Es war schön

Das Familientreffen war nicht schlimm. Im Gegenteil, es war sehr schön. Ich habe nur einmal gehört „Das Leben muss weitergehen“. Von einem 91-jährigen Gast, der mir das auch gerne sagen darf. Ansonsten wurden mein Sohn und ich mit viel Liebe empfangen.

Am Tag zuvor habe ich durch Zufall einen Freund meines Mannes getroffen, der sich seit der Beerdigung nicht mehr bei mir gemeldet hatte. Er war komplett unsicher, ich hatte das Gefühl, er wäre am liebsten sofort weitergegangen. Ich habe ihn aber nicht gelassen, sondern stattdessen ein Gespräch angefangen und mich nach seinem jüngsten Kind erkundigt. Da war er auf sicherem Terrain und nach fünf Minuten war seine Unsicherheit auch weg und wir saßen eine Stunde zusammen und haben sehr schön miteinander geredet.

Gestern waren wir mit Freunden am Grab meines Mannes. Das Wetter war schön, wir hatten Champagner, Gin Tonic und Kuchen dabei und haben eine Art Picknick gemacht. Wir reden über meinen Mann und kommen für ihn zusammen. Das finde ich sehr schön und berührend. Ich sehe, wie vielen Menschen er fehlt. Ich ahne, dass es mehr Menschen sind als ich mitbekomme.

Vom Wochenende habe ich mitgenommen: Ich sollte nicht so hart über die Verwandten und Freunde meines Mannes urteilen, die sich zurückziehen. Alle trauern auf ihre Art. Ich gehe offen damit um und spreche viel darüber. Hier schreibe ich ja auch darüber. Andere Menschen können das eben nicht. Das muss ich akzeptieren.

Morgen

Morgen fahren Sohn und ich das erste Mal zu einer Familienfeier von Verwandten meines Mannes. Mir graut ein wenig davor. Ich war bereits Ende Juli auf einer große Feier mit meinen Verwandten. Und obwohl ich sie sehr mag, gingen sie mir irgendwann mit ihren Fragen oder ihrem Verhalten doch auf den Zeiger. Ich bin dann einfach gegangen bzw. auf der Feier, wo ich nicht gehen konnte, habe ich einfach drei Schnäpse getrunken. Dann war es auch ok.

Morgen kann ich nichts trinken, denn ich fahre Auto (geliehen von Freunden, unseres ist ja verkauft). Morgen ist es die Familie meines Mannes, die ich nicht so gut kenne wie meine Familie und zu der ich natürlich ein anderes Verhältnis habe. Morgen sehe ich Menschen, die meinem Mann ähnlich sehen und ähnlich klingen. Ich weiß, ich werde wieder beobachtet: „Wie sieht sie aus? Huch, hat ganz schön abgenommen und ist blass.“ Mein Sohn wird beobachtet: „Tapferer, kleiner Kerl.“

Morgen werde ich mich in Kampfmonitur werfen. Ich ziehe mir ein schönes Kleid an, male mir ein Gesicht, mache mir die Haare schön und male die Nägel an. Ich brezel mich richtig auf, weil ich weiß, meinem Mann würde es gefallen.

Auto verkauft, Urlaub gebucht

So, unser alter Volvo ist nun auch verkauft. Gestern habe ich den Vertrag unterschrieben und die Schlüssel abgegeben. Ich musste weinen. So viele Erinnerungen, die an dem Wagen hängen. Viele Reisen, manche Panne, viel Gelächter und Gesang, vor allem als Sohn klein war. Es ist wieder ein Schritt weg aus meinem alten Leben hin zu meinem neuen, auf das ich keine Lust habe.

Aber ich habe auch etwas Positives getan: unser Herbsturlaub ist gebucht. Ich fliege mit Sohn in den Süden, in der Hoffnung, dass es dort Ende Oktober noch warm ist. Unser erster Urlaub zu zweit. Naja, nicht richtig, eine Freundin aus Berlin und ihr Sohn kommen nachgereist. Aber trotzdem. Zum ersten Mal seit dem Tod meines Mannes werden wir verreisen. Davor habe ich Angst und gleichzeitig freue ich mich auch darauf, denn ich bin gerade wirklich müde und erschöpft.

Alien-Feeling

Aktuell fühle ich mich immer öfter, als sei ich ein Alien. Meine Umgebung versteht mich plötzlich nicht mehr, obwohl wir eine Sprache sprechen. Oder ich verstehe meine Umgebung einfach nicht.

Ich möchte keine Party zu Ehren meines toten Mannes feiern. Auch wenn er gerne gefeiert hat – mir ist aktuell überhaupt nicht danach. Ich will auch nicht bei der Organisation einer Party helfen oder mit in die Abstimmung einbezogen werden. Wie kommt man auf die Idee, ich könne auf eine Party gehen? Wo ich Leute das erste Mal seit der Beerdigung wieder sehe, wo ich angestarrt werde.

Ich möchte nicht gefragt werden, ob es mir jetzt besser geht. Oder hören, dass seit seinem Tod schon einige Zeit vergangen ist, da wird es doch bestimmt langsam etwas einfacher für mich sein. Warum sollte es mir 12 Wochen nach seinem Tod besser gehen? Was sollte denn einfacher geworden sein?

Ich möchte kein Schweigen von den Verwandten meines Mannes. Warum fragen sie nicht einmal wie es unserem Sohn gerade ergeht, wie er sich macht, wie seine Ferien waren?

Ich verstehe gerade so viel nicht.

Was ich aber verstehe: Es scheint unglaublich schwer zu sein, ein Gefühl für die Bedürfnisse von jemandem zu entwickeln, der gerade seinen Partner verloren hat. Manche können es, andere nicht. Die meisten versuchen es erst gar nicht, aus Furcht zu scheitern.

Drei Monate

Heute vor drei Monaten starb mein Mann.

Ich habe durch Zufall heute Morgen wieder ein Bild in den Händen gehalten, das im Dezember 2014 auf unserer Petersilienhochzeit aufgenommen wurde. Vorne stehen mein Mann und ich, ich habe einen Petersilienkranz auf dem Kopf, mein Mann trägt ein Petersiliengesteck am Hemd. Wir prosten uns mit Champagner zu, im Hintergrund blitzen die Augen unseres lachenden Sohnes. Wir drei sehen alle sehr glücklich aus.

Während ich das Bild betrachtete schrieb mir mein Sohn parallel aus seinem Urlaub in Portugal eine SMS. Er hatte nachts von seinem Vater geträumt. Man konnte ihn wiederbeleben und alles würde langsam normal werden. Er schrieb, es sei der beste Traum gewesen, den er je hatte.

Ich weine. Ich weine um meinen geliebten Mann, meinen besten Freund, meine große Liebe. Ich weine um das glückliche Leben, das wir hatten und das nun vorbei ist. Ich weine um meinen Sohn, der seinen geliebten Papi verloren hat. Die beiden waren unglaublich eng, haben sehr viel gekuschelt und geschmust. Mein Sohn war bzw. ist ein Papi-Kind.

Ich habe oft gedacht, dass es besser gewesen wäre, wenn ich gestorben wäre. In vielerlei Hinsicht. Auch wenn solche Gedanken niemandem helfen. Das ist mir natürlich klar.