Fünf Monate

Seit fünf Monaten ist Michael tot.

Ich merke, dass meine Kräfte jeden Tag weniger werden. Sohn geht es ähnlich und wir schleppen uns gerade bis zu den Hamburger Herbstferien. Dann fahren wir weg, für zwei Wochen.

Noch nie in meinem Leben habe ich mich so auf Urlaub gefreut. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, Michael alleine zu lassen. Weil ich nicht zu seinem Grab gehen kann. Wenn ich dort rumpuzzle ist es, als würde ich an ihm rumzupfen oder streicheln. Das mache ich jetzt zwei Wochen lang nicht.

Traumlos

Seit dem Tod von Michael habe ich noch zweimal geträumt. Dann war es vorbei. Ich träume nicht mehr. Einfach so. Ich habe früher intensive Träume gehabt. Jetzt ist da nur noch ein dunkles Nichts.

Insgesamt schlafe ich seit einigen Wochen sehr wenig. Nach vier Stunden wache ich auf und liege den Rest der Nacht wach und denke nach. Manchmal sehe ich mir dann alte Bilder an oder höre Musik oder weine eine Runde.

Mein Leben fühlt sich gerade wie ein Traum an, aus dem ich nicht mehr aufwache.

Unser Sohn

Langsam bricht auch die Trauer bei unserem Sohn nach außen. Er hat Angst um mich. Er möchte abends nicht mehr alleine sein. Am liebsten wäre es ihm, ich wäre ständig um ihn herum.

Wenn Freunde meines Mannes zu Besuch da sind, kuschelt und schmust er mit ihnen. Ihm fehlen die Umarmungen seines Vaters. Schon als Baby lag er immer bei seinem Vater und hat dort geschlafen. Mir war es immer zu eng und zu nah.

Auch wenn er krank war, lag stets sein Vater neben ihm, fast nie ich. Michael konnte neben Sohn schlafen, selbst wenn der sich die halbe Lunge rausgehustet hat. Ich hingegen stand wach neben dem Kinderbett und kam überhaupt nicht zur Ruhe. Also haben wir getauscht.

Jetzt merke ich, die Kraft, die ich für mich brauche, muss ich teilen. Um meinen Sohn auf dem Trauerweg nicht zu verlieren.