Die Neue

Gestern traf ich mich zum ersten Mal nach langer Zeit wieder mit einer Freundin. Wir hatten uns seit sechs Jahren nicht mehr gesehen, aber sie hatte über Ecken von Michaels Tod erfahren und sich daraufhin letztes Jahr wieder bei mir gemeldet. Sie erzählte mir von ihrer Freundin, die sehr jung gestorben ist und deren Mann auch bereits nach wenigen Monaten eine neue Partnerin hatte. Der Freundeskreis hatte damit ein großes Problem. Irgendwie kam mir das bekannt vor.

Wir haben darüber diskutiert, woran dieses „ich habe ein Problem damit“ liegen könnte und kamen zu dem Schluss, dass es eine Mischung aus mehreren Aspekten ist:

  • Die Kürze der Zeit. Offensichtlich wird erwartet, dass ein – wie auch immer gearteter – angemessener Zeitraum vergeht, ehe eine neue Partnerin denkbar ist.
  • Die Neue ist nicht die Alte: Wenn man ehrlich ist, haben die Freunde einfach keine Lust auf jemand neuen. Sie trauern um ihre tote Freundin und dafür kann es schlicht keinen Ersatz geben. Wozu sich also auf die neue Partnerin überhaupt einlassen? Sie kann der Verstorbenen eh nicht das Wasser reichen.

Das Ergebnis war im Fall meiner Freundin, dass der Witwer und seine neue Freundin auf Parties oder bei anderen Events das Gefühl bekamen: Ihr seid nicht willkommen. Einige Freunde zogen sich komplett zurück.

Meine Freundin sagte mir, für sie sei es am Anfang auch komisch gewesen, ihren Freund mit seiner neuen Partnerin zu sehen bzw. die neue Partnerin im Umgang mit dem Kind der verstorbenen Freundin zu beobachten. Aber dann hat sie sich gedacht: Hauptsache, es geht meinem Freund und seiner Tochter damit gut. Es ist seine Entscheidung und ich unterstütze ihn.

Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, wenn eine meiner Freundinnen gestorben wäre und ihr Mann hätte nach wenigen Monaten wieder eine neue Frau an seiner Seite. Aus heutiger Sicht sage ich natürlich: Ich würde versuchen, die beiden zu unterstützen und die neue Frau willkommen zu heißen. Wer sich auf eine Beziehung mit einem Witwer/einer Witwe mit Kind einlässt, wagt unglaublich viel. So viele Stolpersteine liegen auf dem Weg einer solchen Beziehung, da ist jede Hilfe, jedes positive Wort hilfreich. Aber ob ich das ohne den Tod von Michael und meine jetzigen Erfahrungen auch gesagt hätte? Ich bin mir nicht sicher.