Letzte Nacht habe ich nach längerer Zeit wieder von Michael geträumt. Im Traum habe ich ihn gefragt, wo er denn gewesen sei. Er antwortete mir, dass er nur noch ab und zu bei mir vorbeikommen könne. Ansonsten habe ich keine Antwort bekommen. Ich habe mich fest an ihn geklammert und geweint. Und bin weinend aufgewacht.

Der Traum fühlte sich unglaublich echt an. Michaels Stimme, die ich seit mehr als einem Jahr nicht mehr gehört habe. Wie er sich anfasste, als ich ihn umarmte und festhielt. Wie er roch. Wenn ich jetzt darüber schreibe, muss ich wieder weinen.

Er ist für immer weg. Das weiß ich natürlich. Und doch ist er stets in unseren Gedanken und er fehlt. An manchen Tagen fühle ich dieses Fehlen stärker, an anderen Tagen schwächer. Aber das Gefühl ist immer da.

Ich bekomme hier im Blog manchmal Kommentare/Mails die als Absender sog. Fake- bzw. Wegwerf-Email-Adressen haben.

Solche Kommentare schalte ich nicht frei bzw. ich kann sie teilweise auch gar nicht freischalten.

Heute vor 14 Jahren haben wir geheiratet. Das Wetter war exakt wie jetzt auch in Hamburg: lauwarm und regnerisch. Wir gingen zu Fuß zum Standesamt in den Grindelhochhäusern. Ich war sehr ruhig, Michael ziemlich aufgeregt. Unsere Trauzeugen waren dabei und die engste Familie. Insgesamt nur 10 Personen. Für mich war das genau richtig. Die Vorstellung im Mittelpunkt eines Festes zu stehen war mir zuwider.

Was ich genau von diesem Tag erinnere: Obwohl die Trauungszeremonie nur 15 Minuten gedauert hat und alles recht formal war, hat es sich hinterher für mich dennoch komplett anders angefühlt. Da stand ich nun neben „meinem“ Mann und ich war „seine“ Frau. Als ob ich angekommen wäre, so war das Gefühl.

In den Jahren, in denen wir zusammen waren, haben  wir uns immer wieder gesagt, dass wir uns sofort wieder heiraten würde. Gesagt haben wir uns das vor allem in Momenten wo es nicht so gut lief. Nach dem Motto: „Ok, gerade ist es wirklich nicht schön mit uns beiden. Aber egal was ist, Du sollst wissen, ich würde mich immer wieder für Dich entscheiden. Mit allen Konsequenzen. “

Ich bin froh, dass wir uns das gesagt haben. Heute mehr denn je.

Wenn ich auf das Jahr seit Michaels Tod zurückblicke, bin ich vor allem auch über die Entwicklung unseres Sohnes erstaunt. Als Einzelkind drehte sich alles stets um ihn. Wir wollten ihm viel abnehmen und Dinge ermöglichen, die wir in unserer eigenen Kindheit vermisst hatten. Dadurch war er in gewisser Hinsicht sicher verwöhnt. Im letzten Jahr hat er mich unglaublich stolz gemacht.

Mit dem Tod seines Vaters war für unseren Sohn mit 12 Jahren ein Teil seiner Kindheit plötzlich zu Ende. All das, was Kindern Geborgenheit und Sicherheit vermittelt war für ihn auf einmal vorbei. Der Vater tot, die Mutter wie gelähmt, dazu die Sorge, wie unser Leben weitergehen wird. Können wir in der Wohnung bleiben oder müssen wir sie verkaufen? Bleiben wir in Hamburg oder gehen wir nach München, wo die Großeltern leben?

Ich habe Sohn direkt nach Michaels Tod gezwungen, wieder zur Schule zu gehen. Er sollte zumindest in diesem Bereich so viel Normalität haben wie möglich. Schon wenige Tage nachdem sein Vater gestorben war, schrieb Sohn seine erste Arbeit. Er ist in der Schule kein einziges Mal abgesackt.

Ich habe Sohn gesagt, dass ich keine Kraft habe, ihm nach der Arbeit bei den Hausaufgaben zu helfen oder Latein-Vokabeln abzufragen. 40-Stunden-Job und Haushalt haben mir alle Kraft geraubt. Er hat sich weitestgehend selbst organisiert.

Ich habe Sohn, ein halbes Jahr nach dem Tod seines Vaters einen neuen Partner an meiner Seite präsentiert. Er hat ihn ohne Vorurteile und mit offenen Armen empfangen. Auch die Nachricht vom Nachwuchs hat er positiv aufgenommen. Er streichelt meinen Bauch und spricht mit dem Baby.

Natürlich ist nicht alles eitel Sonnenschein. Sohn ist mitten in der Pubertät, da sind Konflikte vorprogrammiert. Aber dennoch sind wir im vergangenen Jahr als Team zusammengewachsen. Wir verstehen uns und lieben uns sehr und sagen uns das auch. Wie gesagt, ich bin sehr stolz auf unseren Sohn. Mein Mann lebt in ihm weiter, ich kann es täglich sehen.

Als mein Mann starb waren anschließend erstaunlich viele Kinder bei der Beerdigung. Entweder waren es Kinder von Freunden von uns oder Freunde unseres Sohnes. Die Mutter eines dieser Freunde sagte mir, dass ihr Sohn unbedingt dabei sein wollte, auch auf die Gefahr hin, dass es insgesamt sehr traurig wird. Früher wurden Kinder oft von Beerdigungen fern gehalten, sogar, wenn es sich um engeste Verwandte oder ein Elternteil handelte. Für mich unvorstellbar.

Ich fand es schön, dass so viele Kinder freiwillig bei Michaels Trauerfeier dabei waren, auch für meinen Sohn. Er hat gesehen, dass seine Freunde Anteil an unserer Trauer nehmen. Und auch, wenn manche von ihnen bitterlich geweint haben oder nicht wussten, was sie sagen sollten: Es war gut, dass sie da waren. Beerdigungen gehören zum Leben dazu und können vielleicht auch dabei helfen, sich zu verabschieden und den Tod zu akzeptieren. Das Alter spielt sicher eine wichtige Rolle, aber im Grunde hängt es vom einzelnen Kind ab. In unserem Fall war das jüngste Kind auf der Trauerfeier 8 Jahre alt.

Meine Partnerin ist Witwe

Ich habe meinen Freund gefragt, ob es eigentlich einen Unterschied macht, dass er nun mit einer Frau zusammen ist, die Witwe ist. Er sah mich mit großen Augen an und meinte „Natürlich. Das ist ein Riesenunterschied. Vor allem, wenn sie auch noch ein Kind hat.“

Er hat es mir so erklärt: „Du triffst eine Frau, die Dir gefällt. Dann erfährst Du, dass sie ihren Mann auf tragische Art verloren hat. Sie und ihr Kind sind emotional total offen. Du kannst nur vermuten, wie es in ihnen aussieht. In der Wohnung steht in fast jedem Raum ein Bild des toten Mannes. Eine Art Mausoleum. Du ahnst, dass Du immer mit dem Mann verglichen wirst. Egal ob bewusst oder unbewusst. Also verhältst Du Dich extrem vorsichtig. Die Freunde und die Familie begutachten Dich, das Kennenlernen gleicht einem Bewerbungsgespräch. Man muss schon total verrückt sein, ein gesundes Selbstbewusstsein haben und sehr verliebt sein, wenn man trotzdem versucht, dieser Frau näher zu kommen. Ich kann mir schon vorstellen, dass viele Männer lieber die Finger von einer verwitweten Frau lassen, denn es ist alles viel komplizierter.“

Ich musste erstmal schlucken. Da bin ich immer mit mir oder meinem Sohn beschäftigt, aber wie es in meinem Freund aussieht, davon weiß ich nur wenig. Irgendwie bin ich automatisch davon ausgegangen, dass ihm alles total leicht fällt. Wir wohnen immerhin schon seit fünf Monaten zusammen, ohne irgendwelche Probleme oder Diskussionen. Wie viel Kraft ihn das vielleicht kostet, dazu habe ich mir nicht viele Gedanken gemacht.

Andere Witwen haben mir geschrieben, dass sie sich nach dem Tod ihres Mannes nach einem neuen Partner sehnen, der sie wieder in den Arm nimmt. Wir sollten Männern und Frauen, die sich in eine Witwe/einen Witwer verlieben Mut machen. Sie wagen sich auf eine besondere Reise und dabei sollten sie unterstützt und nicht kritisiert werden.