Michael liegt in einer sehr schönen Ecke auf dem Ohlsdorfer Friedhof begraben. Um ihn herum sind die Gräber von Männern und einer Frau die ähnlich jung waren wie er und von Kindern. Ich habe dort schon öfter Angehörige der anderen Verstorbenen getroffen. Meist grüßt man sich freundlich oder unterhält sich sogar. Hier habe ich ja auch eine neue Freundin gefunden.

Als wir im September an Michaels Geburtstag am Grab waren, hatten wir durch Zufall noch Freunde und Verwandte getroffen, die ihm ebenfalls an seinem Ehrentag Blumen vorbei brachten. Während wir uns am Grab unterhielten, nicht flüsternd und weinend, sondern fröhlich, kam Besuch an eines der älteren Gräber am Rande der Lichtung. Die Frau blickte böse zu uns und beschwerte sich irgendwann, dass wir zu laut seien. Ich bin mit meinem Sohn zu ihr gegangen und habe mich entschuldigt und erklärt, dass heute der Geburtstag meines Mannes sei und wir deshalb so viele Menschen waren. Sie antwortete, das sei ihr egal, wir sollten leiser sein. Dann setzte sie sich auf die Bank und fing an Akten zu bearbeiten. Ich habe mich sehr über sie geärgert, gerade war alles fröhlich und auf einmal schlichen wir alle leise davon. Außerdem hatte ich mich doch entschuldigt.

Heute habe ich sie wieder gesehen. Auf der Bank sitzend, mit einem Aktenordner auf dem Schoß. Ich habe so eine Wut auf sie gespürt, weil sie damals an Michaels Geburtstag so doof reagiert hat, auch noch vor unserem Sohn. Am liebsten hätte ich ihr heute die Blumen auf den Kopf gehauen und die Grabkerze hinterher geschmissen. Kein schöner Gedanke. Bin immer noch erstaunt, wie wütend ich manchmal werden kann.

Ich denke jeden Tag an meinen toten Mann. Wie wir uns kennengelernt haben, welche besonderen Momente es in unserem Leben gab, welche glücklichen und traurigen Erlebnisse wir hatten. Ich laufe durch Hamburgs Straßen und sehe die Restaurants und Bars, die wir zusammen besucht haben.

Ich frage mich, ob mein Mann glücklich war, ehe er starb. Ich frage mich, ob wir aus seiner Sicht eine schöne Ehe geführt haben. Wenn ich im Nachhinein mit Freunden von ihm spreche, bin ich mir nicht sicher, ob ich Michael wirklich kannte. Oder vielleicht nur einen Teil von ihm. Ein anderer Teil blieb mir definitiv verborgen, wie ich inzwischen weiß. Das macht die Trennung von ihm nicht leichter, aber ich frage mich, wie gut ich meinen Mann eigentlich kannte.