Gestern schrieb mir mein Sohn aus der U-Bahn auf dem Weg zur Schule: „Mama, hier hat jemand den Duft von Papa.“

Michael liebte Düfte und Parfums. Er hat auch für mich immer die Parfums ausgesucht. Als er auf der Intensivstation lag, habe ich ihm zwei seiner Lieblingsdüfte mitgebracht, mit denen ihn die Pfleger regelmäßig eingesprüht haben. Ich kann beide Parfums seitdem nicht mehr riechen, ohne an das Sterben zu denken. Für unseren Sohn ist es zum Glück anders. Er denkt an schöne Momente mit seinem Vater, wie er ihn im Arm gehalten hat.

Ebenfalls gestern habe ich ein Fach ganz oben in Michaels altem Kleiderschrank ausgeräumt. Dorthin komme ich nur mit einer Leiter. Ich dachte eigentlich, das Fach sei leer, aber tatsächlich waren dort in der hintersten Ecke zwei Shirts, die er anscheinend auch noch kurz vor seinem Tod getragen hatte. Sie rochen nach ihm, nach fast zwei Jahren war der Geruch deutlich wahrzunehmen. Ich habe Sohn die Shirts gezeigt und er hat jede Ecke abgeschnüffelt und eines der Shirts angezogen. Es ist ihm natürlich viel zu groß. Wir waren still, haben uns fest umarmt und geküsst. Sohn hat die Shirts aufgeräumt und zu seinen Sachen gelegt. Ich vermute, er wird ab und zu daran riechen.

Ich kann mich noch genau daran erinnern: Als Michael gestorben war, erschien es mir total irreal, dass das Leben draußen einfach normal weitergeht. Es war Mai, das Wetter wurde langsam besser, die Menschen saßen in Straßencafés, lachten und unterhielten sich. Und ich durchlebte gerade eine Katastrophe.

Eben noch habe ich meinen Mann gehalten und erfahren, dass er nicht überleben wird und dann gehe ich vom Krankenhaus nach Hause, durch die sonnigen Straßen in Hamburg. Ich telefoniere mit unserer Familie und Freunden und überbringe die schlimmen Nachrichten.

Mir ging direkt nach Michaels Tod ständig ein Lied durch den Kopf: Haltet die Welt an – es fehlt ein Stück. Von Glashaus (https://www.youtube.com/watch?v=xu7MynhG7Yw). Genauso fühlt es sich an.

Hier der ganze Text.

Seitdem du weg bist,
ist so manches ok.
Dafür daß es korrekt ist,
tut es aber ganz schön weh.
Ich bin
wirklich gesegnet,
hatte Glück und vieles ist super
wie es ist,
bis auf die Lücke
die nicht schließt.
Es ist ein
perfekter Kreis von 280 Grad.
Der rettende Beweis,
den ich leider grad nicht hab.
Es ist der
Sinn des Lebens,
den keiner mir verrät.
Man muß wirklich kein Genie sein,
um zu merken daß was fehlt.

Bei Gott es fehlt ein Stück,
haltet die Welt an.
Es fehlt ein Stück,
sie soll stehen.

Und die Welt dreht sich weiter
und daß sie sich weiter dreht
ist für mich nicht zu begreifen,
merkt sie nicht,
daß einer fehlt?
haltet die Welt an,
es fehlt ein Stück.
haltet die Welt an,
sie soll stehen.

Es ist nicht zu beschreiben,
wie kalt und leer es ist.
Ich versuche nicht zu zeigen,
wie sehr ich dich vermiss.
Meine Freunde tun ihr Bestes
aber das Beste
ist nicht gut genug.
Für das was du mir gabst,
hat diese Welt kein Substitut.
Dies ist ein
Akt der Verzweiflung,
ein stummer Schrei
eines Menschen voller Leid und
seiner Wunde die nicht heilt.
Es ist der
letzte Kampf
gegen das woran es liegt.
Wie ein Vogel mit nur einem Flügel,
der bestimmt nicht fliegt.

Bei Gott es fehlt ein Stück,
haltet die Welt an.
Es fehlt ein Stück,
sie soll stehen.

Und die Welt dreht sich weiter
und daß sie sich weiter dreht,
ist für mich nicht zu begreifen,
merkt sie nicht daß einer fehlt?
Haltet die Welt an,
es fehlt ein Stück.
Haltet die Welt an,
sie soll stehen.

Es ist leicht zu erkennen
und schwer zu ertragen.
Wie konnte man uns trennen?
Mein Herz trägt deinen Namen.
Es ist die alte Geschichte
wenn jemand stirbt.
Es fehlt ein Stück vom Puzzle,
daß so niemals fertig wird.
Man sagt mir,
halb so schlimm,
es geht weiter wie du siehst.
Um zu sehen,
daß daß nicht stimmt,
braucht es keinen Detektiv.
Ich kann meinen Zweck nicht erfüllen,
wie eine Kerze ohne Docht.
Dieses Schiff
geht langsam unter,
merkt ihr nicht
es hat ein Loch?

Bei Gott es fehlt ein Stück,
haltet die Welt an.
Es fehlt ein Stück,
sie soll stehen.

Und die Welt dreht sich weiter
und daß sie sich weiter dreht,
ist für mich nicht zu begreifen.
Merkt sie nicht daß einer fehlt?
Haltet die Welt an,
es fehlt ein Stück.
Haltet die Welt an,
sie soll stehen.

Danke an diejenigen Freunde, die den Kontakt zu meinem Sohn nicht abbrechen ließen. Die „Männer-Sachen“ mit ihm machen, mit ihm über Michael reden und unserem Sohn dadurch dabei helfen, das vielschichtige Bild seines Vaters lebendig zu halten. Ich sehe, wie gut ihm diese Treffen tun und wie er sich darüber freut.

Danke an meine Familie und die Familie von Michael, die meine Kinder, groß und klein,  mit viel Liebe empfangen, obwohl die Ankunft meiner Tochter ein kleiner Schock war.

Danke an die Schule und Lehrer meines Sohnes. Die mit Beginn unserer Familien-Katastrophe einfühlsam und aufmerksam waren und dies immer noch sind und unseren Sohn eng im Blick haben. Die Verständnis zeigen, wenn ich nicht zu Elternabenden kommen kann oder mir Sondertermine für Sprechstunden geben.

Danke an meine Kollegen, die mich im Job aufgefangen haben, wenn ich heulend auf der Toilette verschwunden bin, langsam in meiner Arbeit war oder Stimmungsschwankungen hatte. Und die sich dennoch sehr mit mir über meine neue Mutterschaft freuen, obwohl ihr eigenes Arbeitspensum dadurch viel höher wurde. (Nachtrag: Hier ein Artikel, der zeigt, dass Anteilnahme im Job nicht selbstverständlich ist: http://m.huffpost.com/de/entry/14633650

Danke an meine Nachbarn, die sich um unseren Kater kümmern, wenn wir verreist sind, die sich über die Ankunft meiner Tochter gefreut haben, mir Babykleidung ausleihen, mit mir Kinderwagen an der Alster schieben oder einfach so Essen vorbeibringen.

Ich habe mit Michaels Tod das Schlimmste in meinem Leben erlebt. Aber ich habe auch ein Maß an Hilfe erfahren und erlebe dies immer noch, das mich bewegt, rührt und sehr dankbar sein lässt.