Vor dem Monat Mai habe ich seit zwei Jahren Angst. Dieser Monat ist fest mit Michaels Sterben verbunden. Ich habe im Herbst 2015 angefangen, die ersten Sachen von Michael auszusortieren, wegzugeben oder zu verschenken. Nun bin ich aktuell wieder dabei, Dinge von Michael wegzupacken. Meine Tochter soll endlich ein eigenes Zimmer bekommen, also wird die halbe Wohnung umgeräumt. Dabei treffe ich immer wieder auf Michael. Ich finde Fotos von ihm, seine Malutensilien, Skisachen, Tennisschläger, CDs.

Oft starte ich morgens mit dem Aufräumen, dann finde ich etwas, setze mich zwischen all die Kisten und Müllsäcke und bin in Gedanken, weine. So ging das die letzten drei Wochen. Heute werden alte Möbel abgeholt, die wir nicht mehr brauchen. Ich weiß noch, wie Michael sie von Ikea nach Hause geschleppt hat, wie er beim Aufbauen geflucht hat und wie wir beide hinterher stolz waren, als die Zimmer endlich fertig waren.

Heute vor zwei Jahren hat er beim Arzt angerufen, weil er sich nicht gut fühlte. Ich bekam Angst und hatte sofort ein schlechtes Gefühl. Vor zwei Jahren begann unsere letzte gemeinsame Woche. Und jetzt räume ich seine letzten verbliebenen Sachen in Kisten und verstaue sie. Meine kleine Tochter zappelt neben mir auf dem Boden. Mein Leben ist weitergegangen. Das von Michael hörte vor zwei Jahren einfach auf. Es fällt mir immer noch schwer, das zu begreifen.

Ich vergesse manchmal, dass ich bei bestimmten Themen doch noch dünnhäutig bin. Gestern war ich in einem Kinderladen, in dem ich schon für meinen Sohn eingekauft habe. Ich kenne die Besitzerin seit 14 Jahren und sie hat sich sehr gefreut, als ich mit meiner kleinen Tochter zu ihr in den Laden kam. Wir haben uns über die vergangenen zwei Jahre unterhalten, sie hat viele Fragen gestellt und es war ein sehr offenes und schönes Gespräch.

Nach einigen Minuten kam eine weitere Kundin in den Laden, die die Besitzerin gut zu kennen schien und die beiden fingen ein Gespräch über einen gemeinsamen Bekannten an, der seit kurzem mit einer verwitweten Frau zusammen ist, deren Mann 6 Monate zuvor gestorben war. Ich gebe zu, ich habe die Ohren gespitzt während ich Kleider für meine Tochter suchte.

Die beiden Frauen fanden diese neue Freundin sehr schwierig, da sie anscheinend viel trinkt und dann über ihren verstorbenen Mann, die Liebe ihres Lebens, erzählt. Das alles in Gegenwart des neuen Freundes, der eine Kneipe hat, wo die Frau am Tresen sitzt, oft nicht nüchtern. Und natürlich kam, was kommen musste: Die andere Kundin meinte „Also wenn mein Mann sterben würde, naja, nach 6 Monaten schon wieder einen neuen Freund zu haben, schon komisch irgendwie. Und in der Kneipe sitzen und trinken. Aber er hatte ja schon immer eine Art Helfersyndrom. Was er sich da ans Bein bindet.“

Da konnte ich nicht mehr still sein, weil ich richtig wütend wurde. Natürlich finde ich es auch unschön, wenn Leute im angetrunkenen Zustand lauter werden, Geschichten erzählen, schreien, vielleicht weinen. Aber andererseits scheint das eben die Art dieser Frau zu sein, die Trauer um ihren Mann zu verarbeiten, trotz neuem Freund. Das ist nicht unbedingt angenehm für die Umgebung. Aber wer es nicht selbst erlebt hat, kann es sich wirklich nicht vorstellen – und meiner Meinung nach auch kein Urteil erlauben. Das habe ich dann auch so gesagt. Die Ladenbesitzerin sagte: „Klar, Du hast das ja auch gerade erlebt, aber bei Dir ist es wirklich etwas anderes.“

Das liegt im Auge des Betrachters würde ich sagen …

Ich verstehe die Sorge um den Freund. Aber statt schlecht über seine neue Freundin zu sprechen, sollten sie lieber direkt mit ihm reden und ihm Unterstützung anbieten.

Ich habe mit Sohn darüber gesprochen, ob und wie sich unsere Trauer verändert hat. Er sagte, er hätte nun akzeptiert, dass sein Vater nie wieder zu uns zurückkommen wird. Wenn er heute an ihn denkt, dann vor allem in bestimmten Situationen, die er ähnlich auch mit seinem Vater durchlebt hat, oder wenn wir Musik hören, die wir mit Michael verbinden. Dann sprechen wir über ihn, lachen manchmal, sind manchmal traurig.

Oder wenn wir von ihm träumen. Dann ist vor allem das Aufwachen traurig und meistens mit Weinen verbunden. Die Intervalle werden bei mir größer. Aber es erwischt mich immer wieder. Und meistens unvorbereitet, d. h. nicht am Grab, sondern zum Beispiel gerade im Urlaub.

Ich saß auf einer Terrasse, hatte einen atemberaubenden Blick auf das Meer und ein Glas Champagner in der Hand. In diesem Moment wusste ich, das hätte Michael auch sehr gut gefallen. Aber er wird so etwas nie wieder erleben können. Dann bin ich fassungslos, dass er so jung gestorben ist. Dass unser gemeinsamer Weg vorbei ist. Dass mein Sohn keinen Papi mehr hat. Und dann fange ich an zu weinen. Obwohl der Augenblick gerade wunderschön ist. Und obwohl ich in meiner jetzigen Beziehung sehr glücklich bin.

Denkst Du noch oft an Papa? Ja und so wird es auch immer bleiben.