Es war schön

Das Familientreffen war nicht schlimm. Im Gegenteil, es war sehr schön. Ich habe nur einmal gehört „Das Leben muss weitergehen“. Von einem 91-jährigen Gast, der mir das auch gerne sagen darf. Ansonsten wurden mein Sohn und ich mit viel Liebe empfangen.

Am Tag zuvor habe ich durch Zufall einen Freund meines Mannes getroffen, der sich seit der Beerdigung nicht mehr bei mir gemeldet hatte. Er war komplett unsicher, ich hatte das Gefühl, er wäre am liebsten sofort weitergegangen. Ich habe ihn aber nicht gelassen, sondern stattdessen ein Gespräch angefangen und mich nach seinem jüngsten Kind erkundigt. Da war er auf sicherem Terrain und nach fünf Minuten war seine Unsicherheit auch weg und wir saßen eine Stunde zusammen und haben sehr schön miteinander geredet.

Gestern waren wir mit Freunden am Grab meines Mannes. Das Wetter war schön, wir hatten Champagner, Gin Tonic und Kuchen dabei und haben eine Art Picknick gemacht. Wir reden über meinen Mann und kommen für ihn zusammen. Das finde ich sehr schön und berührend. Ich sehe, wie vielen Menschen er fehlt. Ich ahne, dass es mehr Menschen sind als ich mitbekomme.

Vom Wochenende habe ich mitgenommen: Ich sollte nicht so hart über die Verwandten und Freunde meines Mannes urteilen, die sich zurückziehen. Alle trauern auf ihre Art. Ich gehe offen damit um und spreche viel darüber. Hier schreibe ich ja auch darüber. Andere Menschen können das eben nicht. Das muss ich akzeptieren.

Auto verkauft, Urlaub gebucht

So, unser alter Volvo ist nun auch verkauft. Gestern habe ich den Vertrag unterschrieben und die Schlüssel abgegeben. Ich musste weinen. So viele Erinnerungen, die an dem Wagen hängen. Viele Reisen, manche Panne, viel Gelächter und Gesang, vor allem als Sohn klein war. Es ist wieder ein Schritt weg aus meinem alten Leben hin zu meinem neuen, auf das ich keine Lust habe.

Aber ich habe auch etwas Positives getan: unser Herbsturlaub ist gebucht. Ich fliege mit Sohn in den Süden, in der Hoffnung, dass es dort Ende Oktober noch warm ist. Unser erster Urlaub zu zweit. Naja, nicht richtig, eine Freundin aus Berlin und ihr Sohn kommen nachgereist. Aber trotzdem. Zum ersten Mal seit dem Tod meines Mannes werden wir verreisen. Davor habe ich Angst und gleichzeitig freue ich mich auch darauf, denn ich bin gerade wirklich müde und erschöpft.

Alien-Feeling

Aktuell fühle ich mich immer öfter, als sei ich ein Alien. Meine Umgebung versteht mich plötzlich nicht mehr, obwohl wir eine Sprache sprechen. Oder ich verstehe meine Umgebung einfach nicht.

Ich möchte keine Party zu Ehren meines toten Mannes feiern. Auch wenn er gerne gefeiert hat – mir ist aktuell überhaupt nicht danach. Ich will auch nicht bei der Organisation einer Party helfen oder mit in die Abstimmung einbezogen werden. Wie kommt man auf die Idee, ich könne auf eine Party gehen? Wo ich Leute das erste Mal seit der Beerdigung wieder sehe, wo ich angestarrt werde.

Ich möchte nicht gefragt werden, ob es mir jetzt besser geht. Oder hören, dass seit seinem Tod schon einige Zeit vergangen ist, da wird es doch bestimmt langsam etwas einfacher für mich sein. Warum sollte es mir 12 Wochen nach seinem Tod besser gehen? Was sollte denn einfacher geworden sein?

Ich möchte kein Schweigen von den Verwandten meines Mannes. Warum fragen sie nicht einmal wie es unserem Sohn gerade ergeht, wie er sich macht, wie seine Ferien waren?

Ich verstehe gerade so viel nicht.

Was ich aber verstehe: Es scheint unglaublich schwer zu sein, ein Gefühl für die Bedürfnisse von jemandem zu entwickeln, der gerade seinen Partner verloren hat. Manche können es, andere nicht. Die meisten versuchen es erst gar nicht, aus Furcht zu scheitern.

Drei Monate

Heute vor drei Monaten starb mein Mann.

Ich habe durch Zufall heute Morgen wieder ein Bild in den Händen gehalten, das im Dezember 2014 auf unserer Petersilienhochzeit aufgenommen wurde. Vorne stehen mein Mann und ich, ich habe einen Petersilienkranz auf dem Kopf, mein Mann trägt ein Petersiliengesteck am Hemd. Wir prosten uns mit Champagner zu, im Hintergrund blitzen die Augen unseres lachenden Sohnes. Wir drei sehen alle sehr glücklich aus.

Während ich das Bild betrachtete schrieb mir mein Sohn parallel aus seinem Urlaub in Portugal eine SMS. Er hatte nachts von seinem Vater geträumt. Man konnte ihn wiederbeleben und alles würde langsam normal werden. Er schrieb, es sei der beste Traum gewesen, den er je hatte.

Ich weine. Ich weine um meinen geliebten Mann, meinen besten Freund, meine große Liebe. Ich weine um das glückliche Leben, das wir hatten und das nun vorbei ist. Ich weine um meinen Sohn, der seinen geliebten Papi verloren hat. Die beiden waren unglaublich eng, haben sehr viel gekuschelt und geschmust. Mein Sohn war bzw. ist ein Papi-Kind.

Ich habe oft gedacht, dass es besser gewesen wäre, wenn ich gestorben wäre. In vielerlei Hinsicht. Auch wenn solche Gedanken niemandem helfen. Das ist mir natürlich klar.

Freunde

In der Trauergruppe ging es gestern u. a. auch um das Thema „Freunde“. Fast alle aus der Gruppe hatten ein und dasselbe Erlebnis: Es gibt Freunde, die verschwinden plötzlich. Als seien sie ebenfalls gestorben. Einige melden sich wieder, manchmal nach Monaten oder Jahren. Andere bleiben für immer weg.

Ich habe ja auch schon mal davon berichtet, dass sich einige Freunde meines Mannes seit seiner Beerdigung nicht mehr bei mir gemeldet haben. Und mir geht es wie meinen „Mitstreitern“ in der Trauergruppe: Ich bin verletzt. Zu dem Schmerz, den der Alltag ohne Mann für mich täglich bereit hält, kommt auch der Schmerz um den Verlust dieser Freunde. Dabei geht es mir nicht um mich, sondern vielmehr um meinen Sohn. Warum wollen sie nicht mal wissen, wie es ihm geht? In ihm lebt immerhin ein Teil ihres verstorbenen Freundes weiter.

Ich bin auf diese Freunde ziemlich sauer. Selbst wer Sorge hat, was Falsches zu sagen und sich deshalb erst gar nicht meldet: Ich kann nur sagen, lieber etwas Falsches sagen als gar nichts.

Es bringt auch gar nichts, darauf zu warten, dass ich mich einmal melden werde. So nach dem Motto „Wenn sie so weit ist, wird sie sich schon rühren“. Nein, wird sie nicht. Bis ich wieder die Kraft habe, aktiv auf Menschen zuzugehen, bis dahin ist der Zug abgefahren. Allein schon meine engsten Freunde um Hilfe zu bitten kostet mich unendlich viel Kraft. Ich weiß nicht warum, vielleicht aus der Furcht „jammerig“ zu wirken oder den anderen auf den Geist zu gehen, schließlich haben sie schon so viel für mich getan. Ich habe auch eine gewisse „ist-doch-egal“ Haltung angenommen. Dann kann ich halt zu Hause nicht drucken, weil ich nicht weiß wie das mit dem neuen Wlan funktioniert. Drucke ich eben woanders oder schreibe die Briefe von Hand. Mir ist gerade vieles egal.

Mein Rat an alle, die nicht wissen wie man mit jemandem umgeht, der seinen Partner verloren hat: Seid aktiv, kommt unangemeldet vorbei, bringt Essen mit oder was zu trinken (denn Einkaufen hat gerade keine Priorität), fragt in unregelmäßigen Abständen nach, ob euer Freund Lust hat, sich mit euch zu treffen oder einen Spaziergang zu machen oder sonst irgendwas. Lockt die Trauernden aus ihrer Höhle. Aber lasst sich nicht einfach alleine, weil ihr euch unsicher fühlt.

Ich habe das unglaubliche Glück, dass aktuell immer genügend Menschen in meiner Umgebung sind, die sich instinktiv so verhalten, dass es mir gut tut. Da fallen die anderen nicht mehr so stark ins Gewicht, aber ich denke trotzdem oft an sie. Und daran wie mein Mann das gefunden hätte.

Und wieder Wellen

Ja, die bereits bekannten Wellen, die mich durch meine Trauer tragen. Gestern ging es schön runter.

Ein nichtiger Anlass: Ich habe einen Termin in einer Ambulanz im UKE ausgemacht. Eigentlich hatte ich schon im Mai einen Termin, aber drei Tage zuvor war mein Mann dort gestorben. Den Termin habe ich vergessen. Gestern also rief ich wieder an, um einen neuen Termin auszumachen. Ich habe mich auch gleich entschuldigt und erklärt, warum ich im Mai nicht gekommen bin. Das hat die Dame am anderen Ende der Leitung aber nicht interessiert. Sie tat so, als ob ich einfach den Termin verbaselt hätte und hat mir einen neuen gegeben: im November. Keine Empathie, kein gar nichts. Das hat mich aus der Bahn geworfen. Zuerst habe ich im Büro auf der Toilette geheult und dann abends zu Hause.

Ich versuche jeden Tag als einen Schritt in mein neues Leben zu begreifen. Ich will diesen Weg nicht gehen, aber ich habe ja keine andere Wahl. Ich will mein altes Leben zurück. Aber das ist vorbei.

In zwei Tagen kommt mein Sohn von seiner ersten Sommerreise zurück. Er fehlt mir, gleichzeitig hoffe ich, dass er eine schöne Zeit hat, mit mehr glücklichen als traurigen Momenten. Er wird einen Tag in Hamburg sein und dann wieder für zwei Wochen verreisen. Die Sommerferien sind lang. Er soll sich ablenken.

Ich versuche mich mit Arbeit abzulenken. Gelingt mäßig. Oft driften meine Gedanken ab. Ich werde täglich mit dem ehemaligen Arbeitgeber meines Mannes konfrontiert. Wir arbeiten in derselben Branche. Dann denke ich an ihn, an die letzten Wochen, an die letzten Tage mit ihm. Eigentlich wären wir gerade mitten in unserem Sommerurlaub am Comer See. Jetzt sitze ich in Hamburg. Alleine.

Ich will mein altes Leben zurück.

Müde

Früher habe ich Menschen nicht verstanden, die die einfachsten Dinge nicht gebacken bekommen haben. Für die schon der Gang zur Post oder zur Reinigung schwer war. Jetzt bin ich selbst so weit.

Ich arbeite meine 40 Stunden pro Woche, mein Sohn ist gerade mit Freunden in den Ferien, ich versorgen zu Hause die Katzen und gieße die Blumen auf dem Balkon. Aber alles was noch on top dazu kommt nervt.

Aktuell stresst mich:

  • Einkaufen
  • Wäsche waschen
  • Altpapier und Altglas wegbringen
  • Anrufe tätigen (ich renne immer noch diversen Versicherungen und Behörden hinterher)
  • mich mit Freunden verabreden (ich will nur ins Bett)
  • zur Post gehen …

Gestern war eine Nachbarin zu Besuch da, die gleichzeitig auch Psychologin ist. Sie sagte zu mir: „Kein Wunder, dass Du permanent erschöpft bist. Parallel zu Deinem Job und Deinem Alltag verarbeitest Du gerade den Verlust Deines Mannes. Du bist permanent mit Deiner Trauer beschäftigt, auch wenn Du arbeitest oder andere Dinge erledigst, im Unterbewusstsein läuft das weiter. Und das strengt Dich an. Du besteigst gerade zwei Berge gleichzeitig.“ Ich fand, das war eine gute Erklärung.