Er fehlt

Heute Morgen ist eine Glühbirne in unserer Küche durchgebrannt. Ich habe an dieser Lampe noch nie eine Glühbirne gewechselt und dachte „Und nun? Wer tauscht das aus?“ Ich selbst vermutlich, wird so schwer schon nicht sein. Ich mache mir auch selbst den Cappuccino morgens, bringe Altglas und Altpapier weg. Kümmere mich um die Steuer 2014.

Ich liege abends in unserem neuen Bett, seine Seite ist nicht abgedeckt, blicke in den Himmel über Hamburg und bin alleine. Mein Mann war großartig. Ein Lebemann, sehr groß, gutaussehend, unglaublich intelligent, charmant, inspirierend, hatte einen tollen Witz. Er war auch launisch und manchmal ungerecht. Insgesamt würde ich immer sagen, er war meine große Liebe. Hätte ich ihm vielleicht mal öfter zu Lebzeiten sagen sollen.

Ich spüre noch genau, wie sich seine Haare anfühlen und seine Haut. Wie es sich angefühlt hat, wenn er mich in den Arm genommen hat. Ich bin sehr klein und ging ihm gerade mal bis zur Brust. Er war mein Baum, für unseren Sohn war Papa der Größte, in jeder Hinsicht.

Manchmal trifft mich die Erkenntnis, dass wir ihn nie wieder sehen mit voller Wucht. Aus dem Nichts, ohne Vorbereitung. Dann möchte ich mich nur noch zurückziehen und verkriechen.

Ich trage seinen Ehering an einer Kette um den Hals. Ich will, dass ihn jeder sieht, sich insgeheim die Frage stellt, ob das ein Ehering ist und dann dankbar ist, dass er/sie von so etwas Traurigem bisher verschont blieb. Ich möchte kein Mitleid.

Selbsthilfegrupppen (Part 2)

Wir haben unsere Selbsthilfe- oder auch Trauergruppen besucht.

Am Sonntag war ich als erste dran. Das Treffen fand in einer Art sozialer Einrichtung im Westen Hamburgs statt. Wir waren 11 Witwen und Witwer im Alter von ca. 35-60 Jahre. Ich war die „neueste“ Witwe, die anderen sind schon etwas länger dabei. Wir saßen im Kreis und nach und nach haben alle erzählt wie sie heißen, warum sie hier sind, wir lange der Partner/die Partnerin schon tot sind, ob sie Kinder haben und wie es ihnen gerade geht.

Als ich dran war, musste ich sofort weinen. Das ist eigentlich nicht meine Art, sonst bin ich eher der Typ „Zähne zusammenbeißen und weitermachen“. In dieser Gruppe darf ich aber weinen. Ich darf jammern und kann über Themen sprechen, die für Außenstehende einfach schwer zu begreifen sind. Wie auch. Ich hätte vor zwei Monaten auch noch keine Ahnung gehabt, dass Stimmungsschwankungen normal sind. Oder dass das Gefühl der totalen Lähmung eben dazu gehören kann. Dieses Gefühl verstanden zu werden hat etwas sehr befreiendes. Als Gruppe sind wir total unterschiedlich, eine Teilnehmerin hat es so schön formuliert: Im Leben „draußen“ hätten wir uns wahrscheinlich nie kennengelernt. Aber im geschützten Raum der Trauergruppe gehören wir zusammen. Ich werde auf jeden Fall wieder hingehen.

Gestern war nun mein Sohn in „seiner“ Trauergruppe. Das Vorgespräch mit einer der Therapeutinnen aus dem Institut fand er doof. Die Frau war ihm nicht sympathisch. Er meinte, sie würde eine Art Standardprogramm abspielen, das mochte er nicht. Ich habe ihn trotzdem gezwungen, die Gruppe kennenzulernen. Zumal dort auch andere Therapeutinnen sind. Ich glaube, es war ok für ihn. Zumindest hat er gesagt, dass er beim nächsten Mal wieder dabei sein wird. Dann sind sowieso Sommerferien und im Herbst können wir dann schauen, ob er weitermacht oder nicht. Die Kinder in der Gruppe sind für seinen Geschmack zu jung.

Gestern hat er nicht mehr viel von der Gruppe erzählt, aber heute morgen kurz beim Frühstück. Fast alle Kinder, bis auf eine Ausnahme, haben den Papi verloren. Die Mutter eines Jungen ist aktuell in der Psychiatrie, er wohnt bei den Großeltern. Das hat meinen Sohn bewegt. Auch die Tatsache, dass der verstorbene Vater eines anderen Kindes ebenfalls Michael hieß. So wie sein Vater. Ich glaube, es tut ihm gut dort hin zu gehen. Immerhin habe ich auch eine „Belohnung“ für ihn. Für jeden Besuch in der Trauergruppe bekommt er eine professionelle Massage spendiert.

Wie geht es Dir?

Die Frage kann ich nicht mehr hören. Und ich weiß gleichzeitig wie ungerecht das von mir ist.

Aber ehrlich: Wie soll es mir denn gehen oder meinem Sohn? Kacke geht es uns. Ganz einfach. Mal mehr kacke mal weniger kacke. Aber am Ende: kacke!

Das wird auch noch lange so bleiben.

Ich schreibe mal auf, was ich in meiner Trauer nicht möchte:

– gefragt werden, wie es mir geht (besser: wie fühlst du dich heute?)

– mit weinerlicher Stimme angesprochen werden (Du Arme, wie schaffst du das nur? Ich könnte das nicht…)

– andere trösten müssen

– gefragt werden, ob es mir inzwischen besser geht (hallo? es sind erst fünf Wochen seit seinem Tod vergangen!!)

– gesagt bekommen, ich solle mich melden, wenn ich Hilfe brauche (ich habe keine Kraft mich zu melden, das wird also nie passieren)

Abarbeiten

Ich bin langsamer denn je. Egal ob ich Briefe schreibe, den Haushalt mache oder arbeite. Ich brauche für alles unendlich lange.

Folgende Dinge stehen an:

  • Rentenversicherungsantrag ausfüllen: Das ganze hat 2,5 Stunden bei einem ehrenamtlichen Berater gedauert. Dennoch fehlen noch einzelne Nachweise meines Mannes zum Abi und der Studienzeit. Außerdem fehlen noch Angaben meines Arbeitgebers.

  • Der Fahrzeugschein unseres Autos ist nicht zu finden. Also muss ich einen neuen beantragen, um das Auto verkaufen zu können. Wieder ein Behördengang mehr.

  • Erbschein: Ich habe ihn. Aber für die Berechnung der Gebühren muss ich wieder Formulare ausfüllen. Ich warte auf Rückmeldungen von Versicherungen und Banken.

  • Die Steuererklärung 2014 muss abgegeben werden. Bisher hat das mein Mann gemacht. Jetzt darf ich mich durchwühlen.

  • Wir benötigen ein neues Festnetztelefon und Internetzugang. Die alten Verträge liefen auf meinen Mann. Wir sind jetzt seit 3 Wochen ohne, d. h. ich kann auch nicht mehr Drucken. Der Drucker lief über das Wlan. Die Telekom lässt sich Zeit.

  • Ich muss einen Grabstein besorgen.

All das parallel zu meinem 40 Stunden Job. Ich bin müde.

Ich kündige Verträge meines Mannes

Ich bin dabei, alle Formalitäten hinter mich zu bringen. Dazu gehört das Beantragen eines Erbscheins auf dem Amtsgericht (dort waren sie sehr nett), das Kündigen des Telefonvertrages meines Mannes bei Vodafone (eine Katastrophe). Und jetzt bin ich dabei, uns für zu Hause einen neuen Telefonanschluss zu besorgen. Der alte war nämlich an den Vertrag meines Mannes gebunden und wurde gleich im Zuge der Kündigung des Mobilfunkvertrages ebenfalls beendet. Klar, der Vertragspartner ist ja tot.

Also bin ich gestern in einen Telekom-Laden gegangen. Ich habe kurz erzählt, was passiert ist (Mann plötzlich verstorben, günstiger Vertrag ist gefordert, bin ja jetzt Alleinverdiener, brauche nur einen Festnetzanschluss und Internet). Das hat den netten jungen Verkäufer/Berater/Schwätzer nicht die Bohne interessiert. Er hat sein 08/15 Programm runtergespielt, mir ein wirklich schlechtes Angebot unterbreitet, das sich beim Blick ins Internet sofort als kompletter Quatsch für mich entpuppt hat. Warum machen die so was? Wo ist Mitgefühl, ehrliches Interesse, Dienstleistungsbereitschaft?

Dafür bekomme ich von Vodafone parallel Anrufe, warum ich denn die Verträge gekündigt habe. Mein Hinweis, dass mein Mann verstorben ist und ich keine Anrufe, sondern eine Bestätigung der Kündigung wünsche, wird mit blöden Sprüchen a la „Na, ist wohl zu teuer geworden?“ quittiert. Ich habe das Gefühl, ich tausche gerade Pest mit Cholera.

Immerhin: Kieser Training war schnell, Xing ebenfalls, LinkedIn ging so.

Mir fehlt mein Mann. Ich denke immer noch, gleich kommt er um die Ecke, er macht mir einen Kaffee mit unserer super Siebträgermaschine, die ich nicht bedienen kann und wir halten ein Schwätzchen über dies und das. Ich bin alleine und kann es immer noch nicht fassen. Witwe sein fühlt sich mies an.

Der kleinste gemeinsame Nenner

Der kleinste gemeinsame Nenner. So nennt mein 12-jähriger Sohn jetzt unsere Familienart. Sie besteht aus ihm, aus mir und unserer Katze Charly und dem Kater Cosmo. Wir haben seit zwei Wochen keinen Papi und keinen Ehemann mehr. Er ist gestorben. Wie aus dem Nichts hat uns diese Katastrophe getroffen. Gerade noch fröhlich und voller Pläne hat sich unser Leben total geändert.

Ich bin jetzt eine 43-jährige Witwe, mein Sohn ist Halbwaise. Ich könnte kotzen.

Hier werde ich mir meinen Frust von der Seele schreiben, anonym jammern und versuchen, den Alltag einer Familie zu beschreiben, die auf einmal auseinander gerissen wurde.