Müde

Früher habe ich Menschen nicht verstanden, die die einfachsten Dinge nicht gebacken bekommen haben. Für die schon der Gang zur Post oder zur Reinigung schwer war. Jetzt bin ich selbst so weit.

Ich arbeite meine 40 Stunden pro Woche, mein Sohn ist gerade mit Freunden in den Ferien, ich versorgen zu Hause die Katzen und gieße die Blumen auf dem Balkon. Aber alles was noch on top dazu kommt nervt.

Aktuell stresst mich:

  • Einkaufen
  • Wäsche waschen
  • Altpapier und Altglas wegbringen
  • Anrufe tätigen (ich renne immer noch diversen Versicherungen und Behörden hinterher)
  • mich mit Freunden verabreden (ich will nur ins Bett)
  • zur Post gehen …

Gestern war eine Nachbarin zu Besuch da, die gleichzeitig auch Psychologin ist. Sie sagte zu mir: „Kein Wunder, dass Du permanent erschöpft bist. Parallel zu Deinem Job und Deinem Alltag verarbeitest Du gerade den Verlust Deines Mannes. Du bist permanent mit Deiner Trauer beschäftigt, auch wenn Du arbeitest oder andere Dinge erledigst, im Unterbewusstsein läuft das weiter. Und das strengt Dich an. Du besteigst gerade zwei Berge gleichzeitig.“ Ich fand, das war eine gute Erklärung.

Vor zwei Monaten

Heute vor zwei Monaten starb mein Mann. Ich habe ihn gehalten, war bei ihm, habe ihm Musik vorgespielt, die er mochte. Seine Lieblingsarien aus Madame Butterfly und aus dem Film „Farinelli“. Obwohl er auf einer Intensivstation gestorben ist, war es dennoch friedlich. Ich hatte bereits den ganzen Tag bei ihm verbracht, konnte ihn streicheln und küssen. Nachts um 22.00 Uhr kam dann der Anruf aus dem Krankenhaus, dass mein Mann sterben wird. Zusammen mit meinen Eltern und engen Freunden sind wir sofort ins UKE gerast. Dort hatten wir noch knapp anderthalb Stunden mit ihm.

Ich hätte nie gedacht, dass ich jemanden halten oder streicheln könnte, während er stirbt. Aber ich konnte es und ich bin unendlich dankbar, dass ich diese Möglichkeit hatte und bei meinem Mann sein durfte. Er war 42 Jahre alt als er starb. Mein Großonkel hat früher immer gesagt, das sei das „beste Mannesalter“. Ich werde meinen Mann nie alt erleben. Dabei dachte ich oft, dass er im Alter noch besser aussehen wird. Wenn sein blondes Haar langsam grau wird. Wenn er nicht mehr 1,98 m groß ist, sondern langsam auf 1,90 m schrumpft. Wir haben oft Witze darüber gemacht.

Am Wochenende musste ich viel weinen. Ich hatte das Glück, auch mit Freunden weinen zu können. Mich tröstet es, wenn ich merke, dass er nicht nur mir so unendlich fehlt, sondern auch anderen Menschen, die ihn ebenfalls sehr geliebt haben. Das gibt mir das Gefühl, dass er nicht in Vergessenheit gerät. Davor habe ich nämlich Angst.

Er fehlt

Heute Morgen ist eine Glühbirne in unserer Küche durchgebrannt. Ich habe an dieser Lampe noch nie eine Glühbirne gewechselt und dachte „Und nun? Wer tauscht das aus?“ Ich selbst vermutlich, wird so schwer schon nicht sein. Ich mache mir auch selbst den Cappuccino morgens, bringe Altglas und Altpapier weg. Kümmere mich um die Steuer 2014.

Ich liege abends in unserem neuen Bett, seine Seite ist nicht abgedeckt, blicke in den Himmel über Hamburg und bin alleine. Mein Mann war großartig. Ein Lebemann, sehr groß, gutaussehend, unglaublich intelligent, charmant, inspirierend, hatte einen tollen Witz. Er war auch launisch und manchmal ungerecht. Insgesamt würde ich immer sagen, er war meine große Liebe. Hätte ich ihm vielleicht mal öfter zu Lebzeiten sagen sollen.

Ich spüre noch genau, wie sich seine Haare anfühlen und seine Haut. Wie es sich angefühlt hat, wenn er mich in den Arm genommen hat. Ich bin sehr klein und ging ihm gerade mal bis zur Brust. Er war mein Baum, für unseren Sohn war Papa der Größte, in jeder Hinsicht.

Manchmal trifft mich die Erkenntnis, dass wir ihn nie wieder sehen mit voller Wucht. Aus dem Nichts, ohne Vorbereitung. Dann möchte ich mich nur noch zurückziehen und verkriechen.

Ich trage seinen Ehering an einer Kette um den Hals. Ich will, dass ihn jeder sieht, sich insgeheim die Frage stellt, ob das ein Ehering ist und dann dankbar ist, dass er/sie von so etwas Traurigem bisher verschont blieb. Ich möchte kein Mitleid.

Wie geht es Dir?

Die Frage kann ich nicht mehr hören. Und ich weiß gleichzeitig wie ungerecht das von mir ist.

Aber ehrlich: Wie soll es mir denn gehen oder meinem Sohn? Kacke geht es uns. Ganz einfach. Mal mehr kacke mal weniger kacke. Aber am Ende: kacke!

Das wird auch noch lange so bleiben.

Ich schreibe mal auf, was ich in meiner Trauer nicht möchte:

– gefragt werden, wie es mir geht (besser: wie fühlst du dich heute?)

– mit weinerlicher Stimme angesprochen werden (Du Arme, wie schaffst du das nur? Ich könnte das nicht…)

– andere trösten müssen

– gefragt werden, ob es mir inzwischen besser geht (hallo? es sind erst fünf Wochen seit seinem Tod vergangen!!)

– gesagt bekommen, ich solle mich melden, wenn ich Hilfe brauche (ich habe keine Kraft mich zu melden, das wird also nie passieren)

Wellen

Ich habe es gelesen. Trauer verläuft in Wellen. Mal geht es gut, mal geht es schlecht. Bisher habe ich mich gut gehalten. Aktuell habe ich das Gefühl meine Fassade beginnt zu bröckeln. Ich habe in den letzten Wochen 5 Kilo abgenommen. Aktuell wiege ich zwischen 48-49 Kilo. Ich esse nicht, aber abends trinke ich viele Gläser Wein. Um ruhig zu werden, um schlafen zu können. Dass das kein Dauerzustand sein kann ist mir klar.

Mein Sohn stellt seine Trauer hinten an befürchte ich. Er möchte nicht, dass ich noch trauriger werde. Das macht mich erst recht traurig.

Ich ertrage gerade nur noch wenige Menschen um mich herum. Bestimmte Freunde, mit denen wir früher viel zu tun hatten, weichen mir aus und melden sich überhaupt nicht mehr. Es ist insgesamt erstaunlich, wie mich manche Menschen  meiden seitdem ich Witwe geworden  bin. Als ob ich eine ansteckende Krankheit hätte. Es ist die Furcht, nicht zu wissen, worüber sie mit  mir sprechen sollen. Dabei muss man gar nicht reden. Einfach einmal in den Arm nehmen reicht auch schon. Einige Bekannte, die vom Tod meines Mannes wissen, sprechen das Thema nicht an, wenn sie mich sehen. Sie tun so als ob nichts sei. Auch hier aus Furcht, das Falsche zu sagen, vermute ich mal.