Wie geht es Dir?

Die Frage kann ich nicht mehr hören. Und ich weiß gleichzeitig wie ungerecht das von mir ist.

Aber ehrlich: Wie soll es mir denn gehen oder meinem Sohn? Kacke geht es uns. Ganz einfach. Mal mehr kacke mal weniger kacke. Aber am Ende: kacke!

Das wird auch noch lange so bleiben.

Ich schreibe mal auf, was ich in meiner Trauer nicht möchte:

– gefragt werden, wie es mir geht (besser: wie fühlst du dich heute?)

– mit weinerlicher Stimme angesprochen werden (Du Arme, wie schaffst du das nur? Ich könnte das nicht…)

– andere trösten müssen

– gefragt werden, ob es mir inzwischen besser geht (hallo? es sind erst fünf Wochen seit seinem Tod vergangen!!)

– gesagt bekommen, ich solle mich melden, wenn ich Hilfe brauche (ich habe keine Kraft mich zu melden, das wird also nie passieren)

Wellen

Ich habe es gelesen. Trauer verläuft in Wellen. Mal geht es gut, mal geht es schlecht. Bisher habe ich mich gut gehalten. Aktuell habe ich das Gefühl meine Fassade beginnt zu bröckeln. Ich habe in den letzten Wochen 5 Kilo abgenommen. Aktuell wiege ich zwischen 48-49 Kilo. Ich esse nicht, aber abends trinke ich viele Gläser Wein. Um ruhig zu werden, um schlafen zu können. Dass das kein Dauerzustand sein kann ist mir klar.

Mein Sohn stellt seine Trauer hinten an befürchte ich. Er möchte nicht, dass ich noch trauriger werde. Das macht mich erst recht traurig.

Ich ertrage gerade nur noch wenige Menschen um mich herum. Bestimmte Freunde, mit denen wir früher viel zu tun hatten, weichen mir aus und melden sich überhaupt nicht mehr. Es ist insgesamt erstaunlich, wie mich manche Menschen  meiden seitdem ich Witwe geworden  bin. Als ob ich eine ansteckende Krankheit hätte. Es ist die Furcht, nicht zu wissen, worüber sie mit  mir sprechen sollen. Dabei muss man gar nicht reden. Einfach einmal in den Arm nehmen reicht auch schon. Einige Bekannte, die vom Tod meines Mannes wissen, sprechen das Thema nicht an, wenn sie mich sehen. Sie tun so als ob nichts sei. Auch hier aus Furcht, das Falsche zu sagen, vermute ich mal.