fischleinfischlein

Blog einer Hamburger Witwe

  • Ich bin langsamer denn je. Egal ob ich Briefe schreibe, den Haushalt mache oder arbeite. Ich brauche für alles unendlich lange.

    Folgende Dinge stehen an:

    • Rentenversicherungsantrag ausfüllen: Das ganze hat 2,5 Stunden bei einem ehrenamtlichen Berater gedauert. Dennoch fehlen noch einzelne Nachweise meines Mannes zum Abi und der Studienzeit. Außerdem fehlen noch Angaben meines Arbeitgebers.

    • Der Fahrzeugschein unseres Autos ist nicht zu finden. Also muss ich einen neuen beantragen, um das Auto verkaufen zu können. Wieder ein Behördengang mehr.

    • Erbschein: Ich habe ihn. Aber für die Berechnung der Gebühren muss ich wieder Formulare ausfüllen. Ich warte auf Rückmeldungen von Versicherungen und Banken.

    • Die Steuererklärung 2014 muss abgegeben werden. Bisher hat das mein Mann gemacht. Jetzt darf ich mich durchwühlen.

    • Wir benötigen ein neues Festnetztelefon und Internetzugang. Die alten Verträge liefen auf meinen Mann. Wir sind jetzt seit 3 Wochen ohne, d. h. ich kann auch nicht mehr Drucken. Der Drucker lief über das Wlan. Die Telekom lässt sich Zeit.

    • Ich muss einen Grabstein besorgen.

    All das parallel zu meinem 40 Stunden Job. Ich bin müde.

  • Mein Sohn hat keine Lust in einer Kindertrauergruppe mit anderen zu sprechen. Ich habe ihm gesagt, dass wir beiden etwas tun müssen, um unsere Trauer zu verarbeiten. Wir haben jetzt einen Deal: Ich probiere eine Gruppe aus und er auch. Je nachdem wie wir es finden, machen wir weiter oder eben nicht. Ich habe ihm versprochen, dass ich ihn nicht zwingen werde.

    Die Trauergruppe für Kinder kostet eine Gebühr, wie hoch weiß ich noch nicht. Das Beratungsgespräch kostet 25,00 EUR. Bei der Gruppe für junge Witwen und Witwer wurde noch kein Preis genannt. Aber da es ein Verein ist, der diese Gruppentreffen anbietet, kann es sein, dass es auf eine Mitgliedschaft hinausläuft.  Ich werde schreiben wie es war.

     

  • Ich bin dabei, alle Formalitäten hinter mich zu bringen. Dazu gehört das Beantragen eines Erbscheins auf dem Amtsgericht (dort waren sie sehr nett), das Kündigen des Telefonvertrages meines Mannes bei Vodafone (eine Katastrophe). Und jetzt bin ich dabei, uns für zu Hause einen neuen Telefonanschluss zu besorgen. Der alte war nämlich an den Vertrag meines Mannes gebunden und wurde gleich im Zuge der Kündigung des Mobilfunkvertrages ebenfalls beendet. Klar, der Vertragspartner ist ja tot.

    Also bin ich gestern in einen Telekom-Laden gegangen. Ich habe kurz erzählt, was passiert ist (Mann plötzlich verstorben, günstiger Vertrag ist gefordert, bin ja jetzt Alleinverdiener, brauche nur einen Festnetzanschluss und Internet). Das hat den netten jungen Verkäufer/Berater/Schwätzer nicht die Bohne interessiert. Er hat sein 08/15 Programm runtergespielt, mir ein wirklich schlechtes Angebot unterbreitet, das sich beim Blick ins Internet sofort als kompletter Quatsch für mich entpuppt hat. Warum machen die so was? Wo ist Mitgefühl, ehrliches Interesse, Dienstleistungsbereitschaft?

    Dafür bekomme ich von Vodafone parallel Anrufe, warum ich denn die Verträge gekündigt habe. Mein Hinweis, dass mein Mann verstorben ist und ich keine Anrufe, sondern eine Bestätigung der Kündigung wünsche, wird mit blöden Sprüchen a la „Na, ist wohl zu teuer geworden?“ quittiert. Ich habe das Gefühl, ich tausche gerade Pest mit Cholera.

    Immerhin: Kieser Training war schnell, Xing ebenfalls, LinkedIn ging so.

    Mir fehlt mein Mann. Ich denke immer noch, gleich kommt er um die Ecke, er macht mir einen Kaffee mit unserer super Siebträgermaschine, die ich nicht bedienen kann und wir halten ein Schwätzchen über dies und das. Ich bin alleine und kann es immer noch nicht fassen. Witwe sein fühlt sich mies an.

  • So, jetzt habe ich den ersten Schritt geschafft. Mein Mann ist begraben. Vor zwei Tagen war die Trauerfeier und gestern war die Beisetzung seiner Urne. Für mich fühlt sich alles an wie ein Traum. Ab Montag gehe ich wieder arbeiten, mein Sohn geht zur Schule. Und doch ist eben nichts mehr wie es war.

    Niemand, der mir tagsüber kurze Nachrichten schickt, zu Themen wie „Was kochen wir heute Abend?“ oder „Wollen wir uns am Wochenende mit Freunden treffen?“. All das ist vorbei.

    Ich liege in unserem Bett, das wir gerade vor vier Monaten neu gekauft haben und eine Seite darin ist jetzt leer.

    Jetzt beschäftige ich mich mit Fragen zu Witwenrente (bekomme ich nicht, da ich zu viel verdiene, zu viel ist in diesem Zusammenhang echt ein Witz) und zur Waisenrente (oha, immerhin 110,00 EUR). Ich muss das Auto verkaufen (zu teuer) und schauen, welche Versicherungen ich kündige (wir sind eh überversichert).

    Ich bin ab 1. Juni in einer neuen Steuerklasse. Damit habe ich etwas mehr Geld zur Verfügung, aber natürlich reicht es trotzdem nicht. Ich kann das Gehalt meines Mannes nicht ausgleichen. So einfach ist das.

    Mein Sohn meint, er müsste jetzt auch anfangen zu arbeiten. Ich habe ihm gesagt, er solle sich lieber auf seine Schule konzentrieren.

    Ich schnüffel am Schlafanzug, den mein Mann in der Nacht trug, ehe er so unvermittelt ins Krankenhaus kam. Er fehlt mir, aber er kommt nicht wieder. Das ist mein neues Leben.

  • Der kleinste gemeinsame Nenner. So nennt mein 12-jähriger Sohn jetzt unsere Familienart. Sie besteht aus ihm, aus mir und unserer Katze Charly und dem Kater Cosmo. Wir haben seit zwei Wochen keinen Papi und keinen Ehemann mehr. Er ist gestorben. Wie aus dem Nichts hat uns diese Katastrophe getroffen. Gerade noch fröhlich und voller Pläne hat sich unser Leben total geändert.

    Ich bin jetzt eine 43-jährige Witwe, mein Sohn ist Halbwaise. Ich könnte kotzen.

    Hier werde ich mir meinen Frust von der Seele schreiben, anonym jammern und versuchen, den Alltag einer Familie zu beschreiben, die auf einmal auseinander gerissen wurde.