Wie soll sich eine Witwe verhalten?

Ich denke oft: Ich entspreche nicht dem Bild einer Witwe. Das meine ich nicht nur optisch (trage schwarz nur, wenn ich es schick finde und nicht weil ich glaube, ich muss) oder aufgrund meines Alters (oft denken Menschen bei „Witwe“ an ältere Damen). Ich meine mein Handeln. Ziemlich schnell nach Michaels Tod war mir klar: Mein Leben wird weitergehen. Ich muss für meinen Sohn da sein. Ich muss funktionieren und mich zusammenreißen.

Vier Wochen nach der Beerdigung war ich das erste Mal auf einer Geburtstagsfeier. Natürlich fühlte es sich komisch an. Auf der anderen Seite dachte ich auch: Michael hat immer gerne gefeiert, das hier würde ihm grundsätzlich gefallen.

Ich bin weiterhin zur Kosmetik gegangen und habe auf mein Äußeres geachtet. Vielleicht sogar noch mehr als vorher. Ich wollte einfach nicht als „die arme Witwe“ gesehen werden. Darf eine Witwe geschminkt, mit lackierten Nägeln und frisch geföhnter Welle rumlaufen? Sollte sie nicht gegrämt und gebeugt aussehen? Manchmal dachte ich, die Leute waren überrascht, wie „normal“ ich aussah. Nur dass ich total dürr geworden bin, das fiel auf und passte dann doch irgendwie in das Trauerbild.

Mit meiner neuen Freundin, die ich am Grab meines Mannes kennengelernt habe, bin ich drei Monate nach Michaels Tod tanzen gegangen. Sie tickt ähnlich wie ich. Auch sie Witwe und auch sie will weiterleben, muss, für ihren Sohn. Darf eine Witwe tanzen? Ich finde, sie sollte sogar. Tanzen macht den Kopf für kurze Zeit frei. Tanzen lenkt ab.

Ich habe mich relativ schnell nach dem Tod von Michael neu verliebt. Damit hätte ich nie gerechnet. Das war jenseits all meiner Vorstellungskraft. Einige Menschen aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis haben damit ein großes Problem. Oft standen unausgesprochen viele Fragen im Raum: Musste das so schnell gehen? Konntest Du nicht einmal das Trauerjahr abwarten? Warum gleich wieder eine feste Beziehung? Du hast den Verlust doch noch gar nicht verarbeitet! Handelt so eine Witwe? Eine Frau, die aufrichtig trauert? Darf eine Witwe, sechs Monate nach dem Tod ihres Mannes schon wieder einen neuen Partner haben?  Meine Meinung (natürlich): Ja, soll sie doch. Wenn es sich ergibt.

Und um das Bild der untypischen Witwe zu vervollständigen: Ich erwarte ein Kind. Und ich freue mich sehr über dieses unerwartete Geschenk. Und mein Sohn freut sich – nach anfänglicher Skepsis – ebenfalls. Er streichelt meinen Bauch und denkt über Namen nach und was er mit seinem Bruder/seiner Schwester später machen wird.

Trotz allem, trotz neuer Liebe, neuem Leben: Ich vermisse Michael. Ich denke täglich an ihn. Ich weine um ihn. Das ist schwierig zu verstehen. Und für manche unmöglich zu akzeptieren. Ich weiß.

Dennoch:  Wer nicht in einer ähnlichen Situation wie ich war oder ist, kann mein Handeln kaum beurteilen. Ich habe in den letzten Monaten gelernt, dass nichts bleibt wie es war. Alles ist möglich, auch das Unvorstellbare.

 

 

Die letzten vier Wochen

Jetzt beginnt eine Zeit, vor der ich mich gefürchtet habe. Der letzte Monat, ehe sich Michaels Krankenhausaufenthalt und sein Tod zum ersten Mal jähren. Fast täglich denke ich daran, was wir heute vor einem Jahr gerade gemacht haben. Fast täglich denke ich daran, wie sehr sich mein Leben seitdem verändert hat.

Ich habe meinen Mann verloren. Mein Kind hat seinen Vater verloren. Ich habe Freunde verloren. Ich habe im Nachhinein Seiten an meinem Mann entdeckt, die ich nicht kannte, aber andere schon. Von all dem habe ich heute vor einem Jahr noch nichts geahnt. Zum Glück, denn ich wäre sonst verzweifelt.

Der Tod an sich ist schlimm genug. Aber schlimm sind auch die Menschen, die mich seitdem belogen haben. Die mich verurteilen und schlecht über mich sprechen. Die großartig getönt haben, sie wären immer für meinen Sohn da und sich dennoch nicht mehr melden.

Ich bin froh, wenn diese letzten vier Wochen vorbei sind. Denn mit all dem Traurigen hat dieser Jahrestag auch etwas Reinigendes. Ich konzentriere ich mich auf das Positive, das vor mir liegt: Auf meinen Sohn, meine Familie, meinen Partner und mein Baby, das ich erwarte.