Grab

Nach Michaels Tod war ich einerseits wie gelähmt, andererseits musste so viel erledigt werden. Ich musste mich um die Beerdigung kümmern, einen Bestatter informieren und ein Grab aussuchen. Für mich war sofort klar, dass ich Michael in Ohlsdorf beerdigen lassen wollte, obwohl wir nie darüber gesprochen hatten. Aber dieser Friedhof ist einerseits wunderschön, andererseits wollte ich auch, dass unser Sohn, sollte er es wollen, alleine mit der U-Bahn zum Grab fahren kann.

Der Ohlsdorfer Friedhof ist der größte Parkfriedhof der Welt, wie sollte ich hier den richtigen Platz finden? Meine Freundin fuhr meine Mutter und mich nach Ohlsdorf. Als ich in der Verwaltung erklären musste, warum ich da war, musste ich wieder weinen. „Ich suche ein Grab für meinen Mann, der gestern gestorben ist.“ Dann die ganzen Fragen: Urnengrab, Sarggrab, anonymes Grab oder Baumgrab? Für mich war das zu viel. Ständig habe ich mich gefragt: Was hätte Michael wohl gewollt? Um dann festzustellen: Er hätte am liebsten weitergelebt, das hätte er gewollt.

Wir haben uns Plätze für Urnengräber angesehen. Wir haben uns einen Platz für ein Baumgrab angesehen. Wir haben Orte gesehen, die mich an eine Hundewiese erinnert haben. Orte, die an Massenveranstaltungen erinnert haben. Drei Stunden waren wir mit dem Auto auf dem Friedhof unterwegs und sind alle Plätze abgefahren, die infrage kommen.

Ich wollte kein anonymes Grab. Ich wollte kein Grab, an dem Fahrradfahrer vorbei fahren können. Viele Menschen nutzen Ohlsdorf für einen Ausflug ins Grüne. Aber ich kann nur sagen, dass es schrecklich ist, am Gab zu stehen und auf einmal kommt ein fröhlicher Familienausflug auf dem Rad vorbei. Es gibt auch geführte Rundgänge in größeren Gruppen über den Friedhof, dabei werden bestimmte Gräber besucht. Auch das wollte ich eigentlich nicht in der Nähe von Michael.

Letztlich haben wir eine wunderschöne Nische gefunden, im Hintergrund ein altes Grab auf einem Findling, drum herum liegen Menschen in Michaels Alter und Kinder. Aus irgendeinem Grund wollte ich, dass Michael mit Menschen aus verschiedenen Altersgruppen zusammen ist. Es ist ein Urnengrab geworden, das habe ich einfach entschieden. Wir haben ja nie über Beerdigung und Tod gesprochen.

Als ich abends zu Hause saß war ich froh, das Grab gefunden zu haben. Der Ort fühlte sich richtig an. Das tut er auch noch heute, zwei Jahre später.

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