Heute ist Michaels Geburtstag. Er wäre 45 Jahre alt geworden. Der 3. Geburtstag ohne ihn. Diese Septemberwoche war immer etwas besonderes für uns, denn wir haben alle drei hintereinander Geburtstag. Wirklich ein Zufall. 

Wir waren wie ein dreiblättriges Kleeblatt. Ein Blatt gibt es nicht mehr. Das fällt mir immer wieder auf, besonders aber an unseren Geburtstagen. 

Ich sitze mit meiner Tochter am Grab, sie schläft im Kinderwagen, um uns herum sind die Gärtner wild am Arbeiten. In Ohlsdorf ist immer etwas zu tun.
Ich rede mit Michael, aber ich gebe zu, es gibt andere Orte an denen ich mich ihm näher fühle als hier auf dem Friedhof.


Gestern habe ich zum ersten Mal mit einer jener Freundinnen offen gesprochen, die meine Schwangerschaft komplett abgelehnt hatte. Es war ein gutes und sehr offenes Gespräch. Zwei Jahre hat es gedauert, bis das möglich war. Ich weiß, dass Michael sich sehr darüber freuen würde. „Na endlich“, würde er sagen, „Und jetzt trinken wir ein Glas auf meinen Geburtstag.“

Das machen wir.

Ich weiß nicht, wie andere Hinterblieben das empfinden, aber für mich war einer der schlimmsten Momente als ich unserem Sohn sagen musste, dass sein Vater wahrscheinlich sterben wird. Ich habe den Moment noch genau vor Augen. Unser Sohn war 12 Jahre alt. Michael war seit drei Tagen im Krankenhaus, lag noch in einer Art Koma, aus dem er nicht erwachte und der Arzt hatte mir zum ersten Mal gesagt, dass es leider eine hohe Wahrscheinlichkeit gibt, dass Michael den Eingriff nicht überleben wird. Ich hatte es irgendwie die ganze Zeit gefühlt. Als ich nach Hause kam, sprach ich mit Sohn. Er war geschockt und fassungslos und wollte unbedingt sofort zu seinem Vater ins Krankenhaus. Ich hatte das in einem älteren Beitrag schon einmal beschrieben.

An diesem Abend habe ich auch den Klassenlehrer informiert, das war zwei Tage, ehe die Pfingstferien anfingen. Unser Sohn ging nicht zur Schule, stattdessen war er mehrfach im Krankenhaus. Michaels Zustand schien sich daraufhin zu stabilisieren. Also entschieden wir: Sohn fährt mit Freunden in den Ferien nach Sylt. Was soll er auch die ganze Zeit mit mir im Krankenhaus verbringen. Ich war auch froh, dass Sohn „aufgeräumt“ und abgelenkt war. Alles besser als das Chaos und die Verzweiflung, die bei uns zu Hause herrschten.

Am Tag als Sohn nach Sylt fuhr, erfuhr ich im Krankenhaus, dass es für Michael keine Heilung geben wird und dass er sterben wird. Ich habe Sohn abends auf Sylt angerufen, meine Freundin, die ihn betreute, wartete im Nebenzimmer. Ich hatte sie vorher darüber informiert, was ich Sohn sagen würde. Natürlich fand ich es furchtbar, Sohn am Telefon sagen zu müssen, dass sein Vater sterben wird. Ich konnte ihn nicht in den Arm nehmen und trösten. Das hat meine Freundin übernommen. Aber ich wollte nicht nach Sylt fahren und Michael in Hamburg alleine zurücklassen. Ich wollte auch nicht Sohn wieder zurück nach Hamburg ordern. Ich habe ihn gefragt, ob er seinen Vater noch einmal sehen möchte. Er wollte nicht. Und ich war froh darüber, denn Michael sah man an, dass es ihm schlechter ging.

Zwei Tage später starb er, in der Nacht zum Vatertag. Wieder musste ich am nächsten Tag telefonieren. Und ich war wieder nicht da, um meinen Sohn in den Arm zu nehmen und zu trösten. Das hat wieder unsere Freundin übernommen, mit ihrer Familie und Freunden. Mittags fuhren sie an Michaels Lieblingsstrand, hielten sich fest im Arm, sammelten Sand und gingen anschließend in einem unserer früheren Lieblingsrestaurants essen. Und Sohn hat mit gutem Appetit gegessen. Als meine Freundin mir Bilder vom Strand und aus dem Restaurant schickte und beschrieb, dass er den ganzen Fisch verspeist hatte, fasste ich so etwas wie Hoffnung. Ich dachte: Sohn und ich, wir können diese Katastrophe überleben. Wir können das schaffen. Der Sand kam in Michaels Grab.