Wir sind im Urlaub

Weihnachten haben wir bei meiner Familie verbracht. Zum ersten Mal in der Konstellation zweite Ehe, zwei Kinder. Meine Familie ist toll, das denke ich mir immer wieder und ich habe Recht. Es war sehr schön.

Jetzt sind wir im Urlaub in Südtirol. Hier war ich zuletzt vor fünf Jahren mit Michael. Alles ist anders und doch sind die Stadt und die Berge natürlich unverändert. Es sind eben zwei Leben, die wir leben. Eines vor dem Tod und eines danach.

Alles fühlt sich jetzt anders an. Ich überlege oft, was Michael wohl zu bestimmten Dingen sagen würde, wie er das Hotel fände, in dem wir gerade sind. Wie würde er die Leute finden? Ich würde gerne wieder mit ihm reden. Also so richtig, mit Antworten. Stattdessen horche ich in mich hinein und versuche seine Antworten zu erraten.

Er fehlt mir.

Es war richtig

Aus der ersten Ausgabe der GUIDO (10/2018)

Ich wusste ja vorher, dass die Reaktionen auf meine Entscheidung, meine Geschichte nicht nur hier auf dem Blog zu erzählen, sondern auch in zwei Medien, gemischt ausfallen würden. Und in der Tat, es war alles dabei. Von: „Wir brechen den Kontakt zu Dir ab“, über „wie kann man nur“, bis zu „Du siehst Dich doch selbst nur gerne in der Zeitung“ etc. Ich lasse das, so gut es geht, an mir abprallen. Entscheidend ist nur eines: Die Rückmeldungen, die ich von anderen Betroffenen bekommen habe. Da waren sehr viele dabei, die geschrieben haben „Deine Geschichte macht mir Mut“. Und genau darum ging es. Weder bin ich scharf darauf, meinen Namen irgendwo zu lesen oder mein Foto zu sehen. Noch finde ich es toll, darauf angesprochen zu werden. So was macht mir eher Angst. Aber ich habe so bewegende Mails bekommen, die mich jedesmal zum Weinen gebracht haben. Danach habe ich gewusst: Es war richtig.


Was hat mir nach dem Tod geholfen?

Was hat mir in den Stunden vor Michaels Tod und in den Wochen und Monaten danach geholfen?

  • Meine Familie, die zu mir kam und sich um meinen Basis-Alltag gekümmert hat: Einkaufen, Katzen versorgen, Blumen gießen, Wäsche waschen
  • Unsere Freunde, die sich um meinen Sohn gekümmert haben, mit ihm verreist sind als Michael im Krankenhaus war, ihn in den Arm genommen haben als ich ihm sagen musste, dass sein Vater gestorben ist.
  • Meine Freundin, die ihre Reise nach New York abgesagt hat und mich jeden Tag ins Krankenhaus gefahren hat.
  • Unsere Freunde, unsere Familie, die die Beerdigung für mich organisiert haben, ich musste nur noch nicken. Wenigstens das konnte ich.
  • Unsere Freundin, die mir fertiges Essen vorbeigebracht hat, wohl wissend, dass ich nicht in der Lage bin zu kochen.
  • Ich hatte Hilfe beim Sortieren der Unterlagen von Michael, als ich das Auto verkauft habe, als ich seine Sachen aussortiert habe.
  • Ein Freund von Michael hat Michaels kleines Tonstudio, das ich eigentlich verschenken wollte, verkauft und das Geld liegt nun auf Sohns Ausbildungskonto.
  • Freunde, die mich ins Restaurant geschleppt haben, zu sich nach Hause eingeladen haben, Ausflüge mit mir gemacht haben, ins Theater mit mir sind.
  • Meine Eltern, die bei uns waren, uns öfter für mehrere Wochen besucht haben, immer aus München hoch nach Hamburg. Sie haben das Grab bepflanzt, den Drucker eingerichtet.

All das sollen Beispiele sein, wie und wo man Trauernden rein praktisch helfen kann. Es gibt viele Möglichkeiten.