Stillstand

Dieses Foto hat Michael vor genau sechs Jahren gemacht. Wir haben damals mein Rennrad von der Reparatur abgeholt. Es stand 24 Jahre in München bei meinen Eltern im Keller und Michael hat es heimlich nach Hamburg bringen und reparieren lassen. Und dann hat er mich zum Geburtstag damit überrascht.

Michael hat sich damals einige Gedanken gemacht, wie wohl unser Zusammenleben sein würde, wenn wir beide in Rente sind. Ich fand das merkwürdig, da die Rente zeitlich und gedanklich für mich noch so weit weg war. Aber er sagte, wir hätten kein gemeinsames Hobby. Er wollte später regelmäßig Zeit auf dem Golfplatz verbringen und Musik machen. Das war aber beides nix für mich. Also habe ich gesagt, ich könnte ja wieder mit dem Rennradfahren anfangen und meine Runden drehen, während er auf dem Platz steht. Man müsse ja nicht alles als Paar zusammen machen. Das Ergebnis ist das Bild oben.

Seit seinem Tod steht das Fahrrad wieder auf dem Speicher.

3 Gedanken zu „Stillstand

  1. munin und hugin

    Gegenstände sind nicht nur Gegenstände, wir hauchen ihnen letztlich irgendwie ein gedachtes Leben ein und plötzlich führen diese Gegenstände ein kleines Eigenleben, das uns immer wieder berührt und einholt. Eine Decke ist dann keine Decke, sondern erzählt von scheinbar helleren Tagen. Und ein Rad ist nicht nur ein Rad, sondern es dreht in Gedanken doch seine Runden, selbst wenn niemand in die Pedale tritt. Unsere Erinnerungen sitzen auf dem Sattel und sehen durch andere Augen. Der Stillstand ist nur ein Schein.

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  2. laufgurke

    Liebe Miriam,
    ich habe viel und lange über dich und dein Rad nachgedacht. Jeder findet irgendwie und irgendwann seinen eigenen Weg mit den Erinnerungen, die eben auch in Gegenständen und Orten stecken umzugehen. Niemand kann und darf darüber eine Wertung abgeben, aber tatsächlich glaube ich, du solltest mit dem Rad fahren. Ich hatte und habe neben meinen eigenen, die Laufschuhe meines Mannes an. Ein bisschen zu groß, genau wie die Lücke, die er hinterlassen hat, aber sie geben mir das Gefühl, dass ich irgendwo Halt habe, auch wenn ich stolper. Dreh wenigstens eine Runde, damit seine Mühe nicht umsonst war. Ihr wolltet doch im Alter was gemeinsames und doch individuelles machen. Radfahren ist eine tolle Idee.
    LG Gritt

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    1. Miriam

      Liebe Gritt, danke für Deine Gedanken. Aktuell habe ich noch das Gefühl: Die Frau mit dem Rad, das bin nicht mehr ich. Aber vielleicht ist es auch nur die Frage der Zeit. Meine Tochter lernt gerade Fahrrad fahren, das wäre vielleicht auch für mich wieder ein guter Einstieg, wenn wir zusammen kleine Runden drehen. Liebe Grüße zurück

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