Heute vor 15 Jahren haben Michael und ich geheiratet. Ich war schwanger, hatte dicke Beine und trug ein schwarzes Kleid (das passte mir noch). Michael hatte mißglückte Strähnen im Haar („die Friseurin sagte, das seien Aufheller, wie von der Sonne“). Wir haben hinterher viel gelacht, wenn wir die Bilder der Hochzeit angesehen haben.

Ich trage meinen Ehering von Michael weiter an der linken Hand. Ich kann ihn nicht ablegen. Michael ist im Herzen immer noch mein Mann. Meinen neuen Ehering trage ich rechts. Mehr Schmuck brauche ich nicht. Die Kette mit Michaels Ring habe ich weggepackt für unseren Sohn. Er möchte den Ring später selbst tragen.

Michael hat für ein großes Kaffeeunternehmen gearbeitet. Ich bin heute in eine Filiale hier in Hamburg gegangen, um einen Cappuccino zu trinken. Als ich den Kaffee in der Hand hielt merkte ich plötzlich, dass im Hintergrund ein Lied lief, das ich das letzte Mal vor ca. 10 Jahren gehört hatte. Als Michael und ich uns kennenlernten hörten wir eine bestimmte CD immer rauf und runter. Ich habe die CD seitdem nicht mehr gefunden (Michael wüsste natürlich wie sie heißt), aber dieses Lied, das ich heute plötzlich im Laden hörte, war auch auf dieser CD.

Das klingt vielleicht albern und ich glaube nicht an Wiedergeburt oder ein Leben nach dem Tod: Aber ich glaube, dass Michaels Energie ab und zu um mich oder meinen Sohn herumfliegt und dann passieren bestimmte Dinge. Ich kann es nicht besser erklären. Tief im Herzen glaube ich, dass er weiter auf uns aufpasst. So wie wir es uns vor 15 Jahren versprochen haben.

In den ersten Monaten nach Michaels Tod bin ich immer wieder Menschen begegnet, die nichts davon wussten. Meistens in meinem beruflichen Umfeld, aber auch privat, alte Bekannte, die ich länger nicht gehört und gesehen hatte. Und wie immer kam irgendwann die Frage: „Wie geht es Ihnen/Dir denn so? Wir haben uns ja schon lange nicht mehr gehört.“

Ich habe immer spontan entschieden, was ich anworte, abhängig davon, wie ich mich gerade fühle. Eine Begegnung ist mir seitdem besonders in Erinnerung. An meinem zweiten Arbeitstag nach Michaels Tod bekam ich einen Anruf im Büro und natürlich die unvermeindliche Frage (siehe oben). Meine Antwort: „Wissen Sie Herr XY, Sie haben gefragt wie es mir geht und ich antworte Ihnen jetzt einfach mal ehrlich. Es geht mir schlecht. Mein Mann ist vor vier Wochen überraschend gestorben und ich versuche gerade über die Arbeit so etwas wie Normalität herzustellen, obwohl ich davon weit entfernt bin.“

Das war natürlich nicht fair. Ich habe meinem Gesprächspartner die Nachricht einfach so vor den Latz geknallt. Aber ich konnte in dem Moment einfach nicht mehr anders. Und ich wollte auch, dass sich noch jemand schlecht fühlt. Seine Reaktion: „Frau XY, ich bin wirklich geschockt und weiß nicht, was ich sagen kann. Bitte erlauben Sie mir, dass ich mich später noch einmal bei Ihnen melde.“ Das hat er tatsächlich auch getan.

Wir sind ein paar Wochen später zusammen mittags essen gegangen und es war ein sehr einfühlsames Gespräch. Es hatte viel Menschliches und kam sehr unerwartet in diesem ganzen Business-Umfeld. Ich habe mich dafür entschuldigt, dass ich ihn mit meiner privaten Leidensgeschichte einfach am Telefon überfallen habe.

Wir haben uns seitdem nicht mehr gesehen. Aber im Sommer bin ich mit meinem jetzigen Mann zu einer Hochzeit eingeladen. Und über Umwege habe ich erfahren, dass mein Gesprächspartner von damals auch da sein soll (die Welt ist manchmal ein Dorf). Ich freue mich darauf, ihn zu sehen und ihm meine erweiterte Familie vorzustellen.

Ich habe wieder geheiratet. Als wir das Datum auswählten, ging es in erster Linie darum, einen Tag in den Hamburger Pfingstferien zu erwischen. Erst später fiel mir auf, dass ich nun ausgerechnet im Mai, Michaels Sterbemonat, heirate.

Zum Glück jährte sich an unserem Hochzeitstag nichts, was mit Michaels Tod zu tun hatte. Fast panisch hatte ich nachgesehen, ob an diesem Tag vielleicht die Gedenkfeier oder die Urnenbeisetzung war. War es aber nicht.

Wie fühlt es sich an, wieder verheiratet zu sein? Bei meiner Hochzeit mit Michael war ich schwanger, die Tatsache, seinen Namen zu tragen, hat uns enger zusammenwachsen lassen. Wir haben das beide so empfunden.

Diesmal ist es anders. Meine Tochter ist bereits geboren und dass ich nun einen neuen Namen trage, ist eher eine Art Sahnehäubchen. Ich fühle mich meinem Mann (wie soll ich ihn nennen? Michael ist auch noch mein Mann, und erster und zweiter Mann finde ich irgendwie doof als Bezeichnung) nicht enger verbunden als vor der Hochzeit. Es fühlt sich einfach richtig an.

Ich habe jetzt einen Doppelnamen, damit ich so heiße wie meine beiden Kinder, die ja unterschiedliche Nachnamen haben. Ich habe die Rentenversicherung informiert, denn mit einer Hochzeit verliere ich meinen Anspruch auf Witwenrente. 

Ich bin wieder verheiratet. Wenn mir das vor zwei Jahren jemand prophezeit hätte, hätte ich ihn für verrückt erklärt.