Es war richtig

Aus der ersten Ausgabe der GUIDO (10/2018)

Ich wusste ja vorher, dass die Reaktionen auf meine Entscheidung, meine Geschichte nicht nur hier auf dem Blog zu erzählen, sondern auch in zwei Medien, gemischt ausfallen würden. Und in der Tat, es war alles dabei. Von: „Wir brechen den Kontakt zu Dir ab“, über „wie kann man nur“, bis zu „Du siehst Dich doch selbst nur gerne in der Zeitung“ etc. Ich lasse das, so gut es geht, an mir abprallen. Entscheidend ist nur eines: Die Rückmeldungen, die ich von anderen Betroffenen bekommen habe. Da waren sehr viele dabei, die geschrieben haben „Deine Geschichte macht mir Mut“. Und genau darum ging es. Weder bin ich scharf darauf, meinen Namen irgendwo zu lesen oder mein Foto zu sehen. Noch finde ich es toll, darauf angesprochen zu werden. So was macht mir eher Angst. Aber ich habe so bewegende Mails bekommen, die mich jedesmal zum Weinen gebracht haben. Danach habe ich gewusst: Es war richtig.


Was hat mir nach dem Tod geholfen?

Was hat mir in den Stunden vor Michaels Tod und in den Wochen und Monaten danach geholfen?

  • Meine Familie, die zu mir kam und sich um meinen Basis-Alltag gekümmert hat: Einkaufen, Katzen versorgen, Blumen gießen, Wäsche waschen
  • Unsere Freunde, die sich um meinen Sohn gekümmert haben, mit ihm verreist sind als Michael im Krankenhaus war, ihn in den Arm genommen haben als ich ihm sagen musste, dass sein Vater gestorben ist.
  • Meine Freundin, die ihre Reise nach New York abgesagt hat und mich jeden Tag ins Krankenhaus gefahren hat.
  • Unsere Freunde, unsere Familie, die die Beerdigung für mich organisiert haben, ich musste nur noch nicken. Wenigstens das konnte ich.
  • Unsere Freundin, die mir fertiges Essen vorbeigebracht hat, wohl wissend, dass ich nicht in der Lage bin zu kochen.
  • Ich hatte Hilfe beim Sortieren der Unterlagen von Michael, als ich das Auto verkauft habe, als ich seine Sachen aussortiert habe.
  • Ein Freund von Michael hat Michaels kleines Tonstudio, das ich eigentlich verschenken wollte, verkauft und das Geld liegt nun auf Sohns Ausbildungskonto.
  • Freunde, die mich ins Restaurant geschleppt haben, zu sich nach Hause eingeladen haben, Ausflüge mit mir gemacht haben, ins Theater mit mir sind.
  • Meine Eltern, die bei uns waren, uns öfter für mehrere Wochen besucht haben, immer aus München hoch nach Hamburg. Sie haben das Grab bepflanzt, den Drucker eingerichtet.

All das sollen Beispiele sein, wie und wo man Trauernden rein praktisch helfen kann. Es gibt viele Möglichkeiten.

Toller Artikel

Ich habe in der Zeitschrift „Psychologie heute“ einen tollen Artikel gelesen: „Ein Leben mit zwei Lieben“. Teilweise hatte ich das Gefühl, dort wird über mein Leben geschrieben und das war wirklich ein wenig erschreckend.

Den Artikel kann man hier nachlesen, allerdings muss man dafür 1,99 EUR zahlen. Aber ich finde, dass ist der lange Beitrag wert.

Unser Sohn

In den vergangenen Wochen fiel mir immer öfter auf: Unser Sohn ähnelt immer stärker seinem Vater. Nicht unbedingt optisch, aber vor allem im Wesen.

Er ist empathisch und mitfühlend. Er spürt, wenn es jemandem schlecht geht. Er hat ein Gefühl für leise Zwischentöne. Er blickt Menschen offen ins Gesicht und begegnet ihnen auch so: offen. Er ist freundlich und zugewandt. Er ist ein Menschenfreund. Er hat einen super Humor, wir lachen viel zusammen. Immer öfter macht er zu Hause den DJ.

Unser Sohn lässt mich verwundert zurück, weil ich oft nicht fassen kann, dass er wirklich unser Sohn ist. Wir haben schon kurz nach der Geburt gesagt, dass in unserem Sohn unser Bestes vereint wurde. Gleichzeitig haben wir uns gefragt: Wie haben wir das nur hinbekommen? Ein so tolles Kind.

In unserem Sohn lebt Michael fort, tatsächlich auch in seinem Charakter und in seinem Wesen. Das zu beobachten und zu erleben ist unglaublich. Es macht mich glücklich und gleichzeitig traurig.

Trauer (richtig) verarbeiten

Als ich wenige Monate nach Michaels Tod die Beziehung mit meinem heutigen Mann einging habe ich unter anderem folgenden Satz sehr oft gehört: „Du hast Deine Trauer doch gar nicht richtig verarbeitet.“ Was dann als Argument dafür genommen wurde, dass ich meine neue Beziehung nicht so schnell hätte beginnen dürfen. Auch heute noch fallen manchmal solche Bemerkungen.

Seit Michaels Tod sind inzwischen fast 3,5 Jahre vergangen und ich frage mich immer noch, wie dieses richtige „Trauer verarbeiten“ denn konkret aussehen soll?

Die Trauer verändert sich, natürlich. Der Schmerz ist nicht mehr so frisch, so allgegenwärtig. Aber er ist und bleibt da. Ich denke jeden Tag an Michael und vermute, das wird auch so bleiben. Ich weine noch um Michael. Immer mal wieder. Es gibt Phasen, da ist es stärker und es gibt Phasen, da weine ich weniger.

Aber ich bin auch glücklich. Ich habe zwei gesunde Kinder. Ich habe wieder einen wunderbaren Menschen kennengelernt, der mich und meinen Sohn, mit all unserem Trauergepäck, liebevoll angenommen hat. Der mit uns eine neue Familie gegründet hat. Der uns trauern lässt, mit uns auf den Friedhof geht, mit uns über Michael spricht, der für unsere Vergangenheit weiterhin Raum in der Familie lässt.

Wo also, frage ich mich, habe ich meine Trauer nicht richtig verarbeitet? Was habe ich denn vergessen? Was sollte ich noch tun? Wann merke ich denn: Ok, jetzt ist der Zeitpunkt da, ich habe meine Trauer verarbeitet und zwar richtig?

Meine Meinung: „Trauer muss man richtig verarbeiten“, dieser Satz ist Blödsinn und macht nur unnötigen Druck. Wer glaubt, einem trauernden Menschen sagen zu können, was im Rahmen einer Trauer richtig und falsch ist, der hat etwas nicht verstanden – nämlich dass Trauer individuell ist, genau wie das Leben. Was also für den einen Trauernden funktioniert gilt noch lange nicht für den anderen.

Am Grab

Wir besuchen Michaels Grab. Meine Tochter weiß schon wo wir sind, sobald wir auf das Ohlsdorfer Friedhofsgelände fahren. Sie gießt mit mir die Blumen und redet mit Michael. „Wie gehts?“ Zur Begrüßung und zum Abschied küsst sie den Grabstein. Wenn wir gehen sagt sie: „Tschüss, mach’s gut. Viel Spaß.“

Aus aktuellem Anlass

Ich habe diesen (dieses?) Blog hier kurz nach Michaels Tod angefangen. Es ging darum, meine wirren Gedanken ins Internet-Nirwana zu schreien. Irgendwann habe ich Rückmeldungen von anderen Witwen und Witwern bekommen oder von Menschen, die sich in eine Witwe/in einen Witwer verliebt hatten und unsicher im Umgang waren. Viele schrieben mir, dass mein Blog ihnen geholfen hätte. Das hat mich anfangs überrascht und dann sehr gefreut.

Ich habe ziemlich schnell nach Michaels Tod die erste Anfrage von einer Zeitschrift bekommen, ob ich nicht mit ihnen über meine Geschichte sprechen möchte. Danach folgten weitere Anfragen. Ich habe alle abgelehnt. Aus vielen Gründen.

Dann kam im Mai dieses Jahres wieder die Frage, ob ich nicht erzählen möchte, wie mein Leben nach Michaels Tod weiterging. Wieder habe ich zunächst abgelehnt. Die Vorstellung, mit Gesicht und vollem Namen in einer Zeitschrift zu stehen, hat mich zusätzlich abgeschreckt. Nachdem ich mit meiner Familie gesprochen hatte, habe ich meine Meinung aber geändert. Warum? Weil mir selbst die Geschichte von Stippi geholfen hat. Ich habe hier auf dem Blog schon darüber geschrieben. Diese Geschichte habe ich im Forum von http://www.verwitwet.de gelesen. Danach dachte ich: „Ok, das Leben kann vielleicht irgendwann auch mal wieder schön werden.“ Ich verspürte zum ersten Mal nach Michaels Tod so etwas wie Hoffnung und dieses Gefühl war unbeschreiblich. Wenn also meine Geschichte anderen Betroffenen auch Hoffnung geben oder Mut machen kann, dann bin ich bereit in die Öffentlichkeit zu gehen und alle Kommentare (schön und weniger schön) anzunehmen.

Hier ist der Beitrag aus dem September-Heft der Zeitschrift Chrismon zu lesen.