Die Sonne scheint

Vor drei Jahren starb Michael. Wir waren am Grab, nur Sohn und ich. Wir haben Musik gespielt, die Michael mochte. Und Sohn hat ein aktuelles Lieblingslied, das er auch abgespielt hat. Wir haben Michael ein Herz auf das Gab gelegt und viel über die letzten drei Jahre gesprochen. Zum Abschied habe ich wie immer den Grabstein geküsst.

Die Sonne scheint heute in Hamburg.

Vor drei Jahren

Vor drei Jahren haben wir unsere letzte Nacht zusammen verbracht. Wir waren müde und erschöpft vom Wochenende und sind früh ins Bett. Dachte ich. In Wahrheit warst Du todkrank. Und ich habe es einfach nicht gemerkt.

Ich habe natürlich gespürt, dass etwas anders war. Du wirktest zuletzt sehr müde, warst insgesamt langsamer. Aber nie im Leben hätte ich geahnt, dass Dein Leben bereits am seidenen Faden hing.

Oft habe ich mich gefragt, wie das sein konnte? Wieso habe ich Dein Leid nicht erkannt? Bin ich so stumpf und ignorant?

Heute vor drei Jahren war unsere letzte gemeinsame Nacht. Du fehlst mir. In diesen Tagen mehr denn je.

Weil mich gerade die Wut packt

Eine junge Witwe hat auf ihrem Instagram Account darüber geschrieben, dass sie sich neu verliebt hat. Hurra! Ihr Mann ist letzten Sommer gestorben. Schlimm genug. Aber nun ein Lichtblick im Frühling. Das ist doch großartig. Ich hatte Tränen der Freude in den Augen, als ich das Bild mit ihrem neuen Freund sah. Und ich habe mich sehr darüber gefreut, dass sie sich getraut hat, öffentlich darüber zu schreiben.

Aber wie sollte es anders sein: Natürlich sind sich manche Menschen nicht zu schade, Gemeinheiten abzusondern. Die reichen von „so schnell, da kann die Liebe ja nicht so groß gewesen sein“ bis zu „also wenn mein Mann sterben würde, würde ich nie …“. Da bin ich fassungslos über so viel Dummheit, über so viel Dreistigkeit und Anmaßung. Jeder kann sich natürlich eine Meinung bilden. Aber nur die Tatsache, dass Maggy, so heißt die junge Witwe, öffentlich von ihrer Trauer und jetzt von ihrer neuen Liebe erzählt hat, gibt niemandem das Recht, Gemeinheiten abzusondern.

Ich habe es schon oft gesagt und sage es gerne noch einmal: Wer nichts Hilfreiches zu sagen hat oder wer seine Meinung nicht sachlich formulieren kann, der sollte am besten den Mund halten.

Mein Begleiter

Wenige Wochen nach Michaels Tod bin ich mit zwei Freunden von uns zu meinen Eltern gefahren. Auf der Autobahn verlor ein Wagen vor uns plötzlich seine komplette Stoßstange – ich fuhr gerade 180 km/h schnell und konnte mit Mühe und Not ausweichen. Wir hatten viel Glück. Mein Herz raste und ich dankte Michael in Gedanken. „Danke, dass Du auf mich aufgepasst hast, sonst wäre unser Sohn jetzt womöglich Waise.“
Einen Tag später saßen wir in einem Biergarten. Es war ziemlich windig und eine Windböe riss plötzlich einen der riesigen, zusammengeklappten Sonnenschirme aus der Verankerung und der Schirm krache mit Wums wenige Zentimeter an meinem Kopf vorbei auf meine Schulter. Ich wurde vom Stuhl geschmissen und lag auf dem Boden. Am Nachbartisch saß zufällig die Bergwacht, die mich sogleich versorgte. Wie durch ein Wunder hatte ich aber nur ein großes Hämatom. Sonst nichts. Wieder sah ich zum Himmel und dachte: „Ohje, Du hast gerade viel zu tun mit mir, wie gut, dass Du auf mich achtest.“ Meine Familie war sprachlos darüber, was wir in den letzten 24 Stunden unbeschadet überstanden hatten. Ich war froh, dass unser Sohn nicht dabei war.
Das ist mein Gefühl seit Michaels Tod: Er achtet auf unseren Sohn und mich. Er möchte, dass es uns gut geht. Er ist unser ständiger Begleiter.

Im Traum

Heute Nacht habe ich nach langer Zeit wieder von Michael geträumt. Wir saßen auf einer Party nebeneinander und haben uns unterhalten. Zwischendurch habe ich ihn umarmt und einfach festgehalten. Im Traum wusste ich, dass wir uns lange nicht gesehen hatten. Aber er war fröhlich und ich war es auch. Diese Träume sind sehr selten und sie sind mir gleichzeitig so kostbar. Weil es die einzige Möglichkeit ist, Michael noch einmal zu „erleben“, weil ich ihn gesehen habe, weil ich seine Stimme gehört habe, weil für einen Moment alles gut war. Das Aufwachen ist und bleibt grausam.

Und das ist so verwirrend. Ich wache auf und bin traurig. Obwohl ich wieder glücklich verheiratet bin. Obwohl ich noch ein zweites, gesundes Kind bekommen habe. Obwohl mein Leben, so wie es jetzt ist, gut ist. Ich habe viel Glück gehabt in all meinem Unglück. Aber er fehlt, er fehlt, er fehlt.

Trauer, der ständige Begleiter

Die Ferien sind fast vorbei. Wir sind wieder zurück in Hamburg. Das dritte Weihnachten ohne Michael, das dritte Silvester ohne ihn. An den Festtagen habe ich nicht intensiver an ihn gedacht als sonst. Ich war auch nicht trauriger. Die Trauerwelle hat mich vor zwei Tagen nach unten gezogen. Ich war gerade damit beschäftigt Wäsche zu machen und habe währenddessen auf die hügelige, sonnige Landschaft um mich herum geblickt. Und plötzlich war es wieder soweit: Aus dem Nichts fange ich an zu weinen und frage mich, wie so unzählige Male zuvor: Warum bist Du nicht mehr da? Warum darf ich hier in der Sonne stehen und Du nicht? Welcher Idiot hat sich das ausgedacht? Warum durfte ich mit unserem Sohn zum Abschlussball seines Tanzkurses? Das hätte Dir so gut gefallen. Du wärst so stolz auf ihn gewesen.

Michael ist seit Mai 2015 tot. Ich spreche weiterhin jeden Tag mit ihm. Ich hatte das Glück, mich wieder neu zu verlieben und sogar noch einmal mit 45 Jahren Mutter zu werden. Aber mein Mann Michael fehlt mir nach wie vor. Ich betone das, weil immer noch von Trauernden erwartet wird, dass die Trauer doch irgendwann mal vorbei sein müsse. Ich glaube, Trauer kann nie vorbei sein. Sie ist unser ständiger Begleiter. Das muss das Umfeld schlicht akzeptieren.