Und dann bin ich unten

Ich werde öfter mal gefragt, ob es bestimmte Anlässe gibt, die mich besonders traurig machen. Ja, gibt es. Alles was mit unserem Sohn zu tun hat zum Beispiel. Dann denke ich immer „Wieso bist Du nicht mehr da?“. Jahrestage, Geburtstage, Weihnachten, Silvester etc. machen mir eigentlich nicht mehr so viel aus. Dachte ich.

Letzte Woche wäre unser 17. Hochzeitstag gewesen. Und ich war einfach nur fertig. Da das Wetter schön war, bin ich spontan zum Friedhof gefahren. Ich habe duftende Rosen gekauft und bin mit der U-Bahn zum Ohlsdorfer Friedhof gefahren. Schon in der U-Bahn merkte ich, wie es mir immer schlechter ging. Als ich dann im Bus zur Kapelle 7 saß (ja, der Friedhof ist so riesig, dass dort zwei Buslinien fahren) musste ich plötzlich weinen. So kenne ich mich gar nicht. Ich ging zum Grab, umgeben von Gärtnern, die überall die Hecken schnitten oder den Rasen mähten. Der Lärm war unbeschreiblich. Da saß ich am Grab, redete mit Michael und weinte und weinte. Ich war also wieder als Wellenreiterin unterwegs, mit Wellen, die sehr weit nach unten gingen. Es kommen auch wieder bessere Zeiten, das weiß ich.

Ja, Michael ist seit mehr als vier Jahren tot. Aber wer mir sagen möchte, dass die Trauer irgendwann besser wird, dem muss ich antworten: Das stimmt für mich nicht. Sie wird immer da sein. Immer. Sie bestimmt nicht mein Leben. Aber sie ist da. Im Hintergrund. Und manchmal zeigt sie sich ziemlich deutlich.

Vor vier Jahren

Da bin ich wieder. Zum vierten Mal jährt sich die große Katastrophe und wieder sind mir die Momente aus dem Mai 2015 präsenter denn je.

Ich bin gerade auf Michaels Lieblingsinsel. Gestern Abend hielt ich ein Glas Champagner in der Hand (Michael trank gerne Champagner) und plötzlich lief ein Lied aus der Zeit vor vier Jahren im Hintergrund. Der Sommelier, mit dem wir gerade im Gespräch waren, benutzte plötzlich eine Formulierung, die ich sonst nur von Michael kannte und dann lobte er ein Weinrestaurant in Hamburg, das ausgerechnet einem der engsten Freunde von Michael gehört. Da wusste ich, Michael ist gerade da, ich habe ihn plötzlich sehr intensiv gespürt. Ich war aufgeregt und musste mich sehr zusammenreißen, um nicht am Tisch zu weinen. Es war schön, ihn wieder kurz zu spüren.

In die Kita

In zwei Wochen startet meine Tochter in ihrer neuen Kita. Sie kommt in die Gruppe, in der vor 15 Jahren auch ihr großer Bruder war. Als ich die Kita zum ersten Mal nach Michaels Tod mit meiner Babytochter im Arm betrat, hatte ich das Gefühl eine Zeitreise gemacht zu haben. Es sah aus wie früher und die Erzieherinnen von damals waren auch noch da. Ich ließ meine Tochter auf die Warteliste setzen und machte dann einen Besuch in Carls alter Gruppe.

Dort war das Erstaunen groß als sie meine Tochter und mich sahen. Eine der Erzieherinnen hatte Tränen in den Augen und meinte: „Frau Emmermann, das kann doch nicht wahr sein? Wie schön! Kommt ihre Tochter auch zu uns?“ Diese Erzieherin war damals auch auf Michaels Trauerfeier, sie hatte in der Zeitung die Todesanzeige gesehen. Nun also wird auch meine Tochter dort sein. Ihre Bezugsperson ist eben jene Erzieherin. Sie sagte zu mir: „Als die neuen Kinder vorgestellt wurden, habe ich gleich gesagt, dass ich Ihre Tochter als Bezugskind haben möchte.“

Wir haben vor wenigen Wochen den Vertrag abgegeben. Carl war dabei und während ich im Büro der Kita-Leitung war, war Carl mit seiner kleinen Schwester in der Gruppe, um „Hallo“ zu sagen. Hinterher kam die Erzieherin zu mir: „Er sieht immer mehr aus wie sein Vater. Er spricht auch wie er. Die Ähnlichkeit ist wirklich frappierend.“ Michael war sehr beliebt dort, denn er war wirklich immer freundlich zu allen und hatte einen lustigen Spruch auf den Lippen.

Tja, in drei Wochen gehe ich also wieder alte Wege. Schiebe einen Kinderwagen oder schleppe ein Laufrad entang der selben Straße. Hänge Kleidung an exakt den selben Haken mit dem Luftballon. Sehe die selben Gesichter. Und doch ist alles anders.

Mir platzt der Kragen

Auch fast vier Jahre nach Michaels Tod, ist die LBS Schleswig-Holstein nicht in der Lage, Post an mich zu adressieren. Nein, stattdessen wird einfach munter wieder sein Name eingesetzt. Zwischendurch waren sie immerhin so weit „Nachlass“ vorneweg zu schreiben. Aber das scheint im vergangenen Jahr irgendwie abhanden gekommen zu sein.

Seit fast vier Jahren ärgere ich mich über diese Bausparkasse. Wir hatten 2013 einen Bauspar-Vertrag als Darlehen abgeschlossen, d. h. die gesamte Summe wurde auf einen Schlag ausbezahlt und seitdem monatlich zurückgezahlt. Als ich nach dem Tod von Michael darum bat, das Darlehen auf mich zu übertragen, damit ich die Summe weiter abbezahlen kann, kam zur Antwort: Ich müsse dafür zum Familiengericht, schließlich sei ich eine Erbengemeinschaft mit meinem Sohn. Das war gefühlt, reine Schikane. Schließlich wollte ich meinem Sohn kein Geld vorenthalten, sondern einfach ein Darlehen tilgen, das auf den Namen seines Vaters lief. Nach wochenlangem Hin und Her durfte ich schließlich ohne Familiengericht bezahlen. Toll … Aber bis heute ist man dort weiterhin nicht in der Lage meinen Namen einzutragen. Nein, stattdessen wird munter Post an meinen verstorbenen Mann geschickt. Danke nochmal an dieser Stelle. Für Empathielosigkeit, Taktlosigkeit und jahrelange Ignoranz.

Wir sind im Urlaub

Weihnachten haben wir bei meiner Familie verbracht. Zum ersten Mal in der Konstellation zweite Ehe, zwei Kinder. Meine Familie ist toll, das denke ich mir immer wieder und ich habe Recht. Es war sehr schön.

Jetzt sind wir im Urlaub in Südtirol. Hier war ich zuletzt vor fünf Jahren mit Michael. Alles ist anders und doch sind die Stadt und die Berge natürlich unverändert. Es sind eben zwei Leben, die wir leben. Eines vor dem Tod und eines danach.

Alles fühlt sich jetzt anders an. Ich überlege oft, was Michael wohl zu bestimmten Dingen sagen würde, wie er das Hotel fände, in dem wir gerade sind. Wie würde er die Leute finden? Ich würde gerne wieder mit ihm reden. Also so richtig, mit Antworten. Stattdessen horche ich in mich hinein und versuche seine Antworten zu erraten.

Er fehlt mir.