Unser Sohn

In den vergangenen Wochen fiel mir immer öfter auf: Unser Sohn ähnelt immer stärker seinem Vater. Nicht unbedingt optisch, aber vor allem im Wesen.

Er ist empathisch und mitfühlend. Er spürt, wenn es jemandem schlecht geht. Er hat ein Gefühl für leise Zwischentöne. Er blickt Menschen offen ins Gesicht und begegnet ihnen auch so: offen. Er ist freundlich und zugewandt. Er ist ein Menschenfreund. Er hat einen super Humor, wir lachen viel zusammen. Immer öfter macht er zu Hause den DJ.

Unser Sohn lässt mich verwundert zurück, weil ich oft nicht fassen kann, dass er wirklich unser Sohn ist. Wir haben schon kurz nach der Geburt gesagt, dass in unserem Sohn unser Bestes vereint wurde. Gleichzeitig haben wir uns gefragt: Wie haben wir das nur hinbekommen? Ein so tolles Kind.

In unserem Sohn lebt Michael fort, tatsächlich auch in seinem Charakter und in seinem Wesen. Das zu beobachten und zu erleben ist unglaublich. Es macht mich glücklich und gleichzeitig traurig.

Trauer (richtig) verarbeiten

Als ich wenige Monate nach Michaels Tod die Beziehung mit meinem heutigen Mann einging habe ich unter anderem folgenden Satz sehr oft gehört: „Du hast Deine Trauer doch gar nicht richtig verarbeitet.“ Was dann als Argument dafür genommen wurde, dass ich meine neue Beziehung nicht so schnell hätte beginnen dürfen. Auch heute noch fallen manchmal solche Bemerkungen.

Seit Michaels Tod sind inzwischen fast 3,5 Jahre vergangen und ich frage mich immer noch, wie dieses richtige „Trauer verarbeiten“ denn konkret aussehen soll?

Die Trauer verändert sich, natürlich. Der Schmerz ist nicht mehr so frisch, so allgegenwärtig. Aber er ist und bleibt da. Ich denke jeden Tag an Michael und vermute, das wird auch so bleiben. Ich weine noch um Michael. Immer mal wieder. Es gibt Phasen, da ist es stärker und es gibt Phasen, da weine ich weniger.

Aber ich bin auch glücklich. Ich habe zwei gesunde Kinder. Ich habe wieder einen wunderbaren Menschen kennengelernt, der mich und meinen Sohn, mit all unserem Trauergepäck, liebevoll angenommen hat. Der mit uns eine neue Familie gegründet hat. Der uns trauern lässt, mit uns auf den Friedhof geht, mit uns über Michael spricht, der für unsere Vergangenheit weiterhin Raum in der Familie lässt.

Wo also, frage ich mich, habe ich meine Trauer nicht richtig verarbeitet? Was habe ich denn vergessen? Was sollte ich noch tun? Wann merke ich denn: Ok, jetzt ist der Zeitpunkt da, ich habe meine Trauer verarbeitet und zwar richtig?

Meine Meinung: „Trauer muss man richtig verarbeiten“, dieser Satz ist Blödsinn und macht nur unnötigen Druck. Wer glaubt, einem trauernden Menschen sagen zu können, was im Rahmen einer Trauer richtig und falsch ist, der hat etwas nicht verstanden – nämlich dass Trauer individuell ist, genau wie das Leben. Was also für den einen Trauernden funktioniert gilt noch lange nicht für den anderen.

Am Grab

Wir besuchen Michaels Grab. Meine Tochter weiß schon wo wir sind, sobald wir auf das Ohlsdorfer Friedhofsgelände fahren. Sie gießt mit mir die Blumen und redet mit Michael. „Wie gehts?“ Zur Begrüßung und zum Abschied küsst sie den Grabstein. Wenn wir gehen sagt sie: „Tschüss, mach’s gut. Viel Spaß.“

Aus aktuellem Anlass

Ich habe diesen (dieses?) Blog hier kurz nach Michaels Tod angefangen. Es ging darum, meine wirren Gedanken ins Internet-Nirwana zu schreien. Irgendwann habe ich Rückmeldungen von anderen Witwen und Witwern bekommen oder von Menschen, die sich in eine Witwe/in einen Witwer verliebt hatten und unsicher im Umgang waren. Viele schrieben mir, dass mein Blog ihnen geholfen hätte. Das hat mich anfangs überrascht und dann sehr gefreut.

Ich habe ziemlich schnell nach Michaels Tod die erste Anfrage von einer Zeitschrift bekommen, ob ich nicht mit ihnen über meine Geschichte sprechen möchte. Danach folgten weitere Anfragen. Ich habe alle abgelehnt. Aus vielen Gründen.

Dann kam im Mai dieses Jahres wieder die Frage, ob ich nicht erzählen möchte, wie mein Leben nach Michaels Tod weiterging. Wieder habe ich zunächst abgelehnt. Die Vorstellung, mit Gesicht und vollem Namen in einer Zeitschrift zu stehen, hat mich zusätzlich abgeschreckt. Nachdem ich mit meiner Familie gesprochen hatte, habe ich meine Meinung aber geändert. Warum? Weil mir selbst die Geschichte von Stippi geholfen hat. Ich habe hier auf dem Blog schon darüber geschrieben. Diese Geschichte habe ich im Forum von http://www.verwitwet.de gelesen. Danach dachte ich: „Ok, das Leben kann vielleicht irgendwann auch mal wieder schön werden.“ Ich verspürte zum ersten Mal nach Michaels Tod so etwas wie Hoffnung und dieses Gefühl war unbeschreiblich. Wenn also meine Geschichte anderen Betroffenen auch Hoffnung geben oder Mut machen kann, dann bin ich bereit in die Öffentlichkeit zu gehen und alle Kommentare (schön und weniger schön) anzunehmen.

Hier ist der Beitrag aus dem September-Heft der Zeitschrift Chrismon zu lesen.

Musik

Wenn etwas Michael wirklich begeistert und bewegt hat, dann war es Musik. Als Kind hat er als Solist im Knabenchor Hannover gesungen und mit dem Chor die Welt bereist. Auch als Erwachsener hat er noch gesungen.

Er hatte mit Freunden eine Band und war dort für die elektronische Untermalung mit Beats zuständig. Zuhause hatte er in einem Zimmer eine Art kleines Musikstudio stehen. Einer seiner Lieblingssätze war: „Musik ist eine Waffe.“ Damit meinte er: Mit Musik kannst Du Menschen glücklich machen, zum Weinen bringen, in Erinnerungen schwelgen lassen oder auch quälen.

Es gibt zahlreiche Musikstücke, die ich mit Michael verbinde.

Als wir uns kennenlernten: https://youtu.be/c18441Eh_WE

Als ich schwanger war: https://youtu.be/1g6Uayvejsg

Als Michael DJ auf der Hochzeit von Freunden war: https://youtu.be/L89ZOhlECjo

Als wir bei Freunden in der Küche saßen und über Kindheitserinnerungen sprachen: https://youtu.be/X1zFY7Nax0I

Als Michael starb habe ich deshalb auch verschiedene Musikstücke abgespielt, von denen ich wusste, dass er sie sehr mochte. Währenddessen habe ich ihn im Arm gehalten und gestreichelt.

Der Nebel

Ich kann mich an viele Dinge aus den Tagen VOR Michaels Beerdigung erinnern: die Musikauswahl, Blumen, die Sopranistin und der Organist, die von Michaels Cousin organisiert wurden, die Traueranzeige uvm. Aber die Trauerfeier selbst ist in einer Art Nebel verschwunden. Ich weiß, dass unser Sohn meine Hand hielt, mehrere Reden von Freunden gehalten wurden und dass verhältnismäßig viele Kinder anwesend waren. Der Rest ist weg. Einfach weg. Ich war wie ferngesteuert. Habe versucht, mich zusammen zu reißen, damit alles einen würdevollen Rahmen hat.

Ich habe gedacht: Wie kann es sein, dass wir heute Deine Trauerfeier begehen, wo wir vor wenigen Wochen noch alle fröhlich eine Konfirmation mit Freunden gefeiert haben. Das kann doch alles nicht wahr sein. Ich bin in einem Albtraum gefangen. Dieses Gefühl hatte ich ca. 6 Monate lang. Dann wurde es langsam besser.

Nicht vorbereitet

Wir sind gerade im Sommerurlaub. In den letzten Wochen in Hamburg hatte ich ein Erlebnis, auf das ich nicht vorbereitet war. Unsere Firma hat einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht. Bei den meisten Kollegen lag der erste (und letzte) Kurs schon Jahrzehnte zurück – bei mir knapp 30 Jahre. Eine Auffrischung war durchaus sinnvoll.

Heutzutage werden in diesen Kursen vom Roten Kreuz viele, sehr gut gemachte Filme gezeigt. Fast immer geht es darum, dass jemand in Not gerät oder plötzlich eine Erkrankung hat und stirbt (ergo: Mach erste Hilfe, Du kannst Leben retten). Fast immer ist es der Mann, dem es plötzlich schlechter geht und die Frau muss schnell Hilfe organisieren. Zumindest in diesen Filmen.

Nach 15 Minuten habe ich das erste Mal geweint und musste den Raum verlassen. Mich hat diese hoch emotionale Ansprache in den Filmen kalt erwischt und total überfordert. Vor 30 Jahren sahen diese Kurse wirklich noch anders aus. Aber auf einmal sehe ich eine Frau, die ihren sterbenden Mann im Arm hält und ich denke an Michael und mich. Da war es vorbei.

Mir war es peinlich, vor den Kollegen, vor dem Rot-Kreuz-Mitarbeiter, vor mir selbst, weil ich mich nicht „im Griff“ hatte.

Aber ich habe wieder was gelernt und beschlossen: Es wird immer Situationen geben, die mich kalt erwischen. Dann weine ich halt vor anderen, ist mir sche… egal.

PS. Meine Kollegen und der Rot-Kreuz-Mann waren sehr verständnisvoll.