fischleinfischlein

Blog einer Hamburger Witwe

  • Heute vor 14 Jahren haben wir geheiratet. Das Wetter war exakt wie jetzt auch in Hamburg: lauwarm und regnerisch. Wir gingen zu Fuß zum Standesamt in den Grindelhochhäusern. Ich war sehr ruhig, Michael ziemlich aufgeregt. Unsere Trauzeugen waren dabei und die engste Familie. Insgesamt nur 10 Personen. Für mich war das genau richtig. Die Vorstellung im Mittelpunkt eines Festes zu stehen war mir zuwider.

    Was ich genau von diesem Tag erinnere: Obwohl die Trauungszeremonie nur 15 Minuten gedauert hat und alles recht formal war, hat es sich hinterher für mich dennoch komplett anders angefühlt. Da stand ich nun neben „meinem“ Mann und ich war „seine“ Frau. Als ob ich angekommen wäre, so war das Gefühl.

    In den Jahren, in denen wir zusammen waren, haben  wir uns immer wieder gesagt, dass wir uns sofort wieder heiraten würde. Gesagt haben wir uns das vor allem in Momenten wo es nicht so gut lief. Nach dem Motto: „Ok, gerade ist es wirklich nicht schön mit uns beiden. Aber egal was ist, Du sollst wissen, ich würde mich immer wieder für Dich entscheiden. Mit allen Konsequenzen. “

    Ich bin froh, dass wir uns das gesagt haben. Heute mehr denn je.

  • Wenn ich auf das Jahr seit Michaels Tod zurückblicke, bin ich vor allem auch über die Entwicklung unseres Sohnes erstaunt. Als Einzelkind drehte sich alles stets um ihn. Wir wollten ihm viel abnehmen und Dinge ermöglichen, die wir in unserer eigenen Kindheit vermisst hatten. Dadurch war er in gewisser Hinsicht sicher verwöhnt. Im letzten Jahr hat er mich unglaublich stolz gemacht.

    Mit dem Tod seines Vaters war für unseren Sohn mit 12 Jahren ein Teil seiner Kindheit plötzlich zu Ende. All das, was Kindern Geborgenheit und Sicherheit vermittelt war für ihn auf einmal vorbei. Der Vater tot, die Mutter wie gelähmt, dazu die Sorge, wie unser Leben weitergehen wird. Können wir in der Wohnung bleiben oder müssen wir sie verkaufen? Bleiben wir in Hamburg oder gehen wir nach München, wo die Großeltern leben?

    Ich habe Sohn direkt nach Michaels Tod gezwungen, wieder zur Schule zu gehen. Er sollte zumindest in diesem Bereich so viel Normalität haben wie möglich. Schon wenige Tage nachdem sein Vater gestorben war, schrieb Sohn seine erste Arbeit. Er ist in der Schule kein einziges Mal abgesackt.

    Ich habe Sohn gesagt, dass ich keine Kraft habe, ihm nach der Arbeit bei den Hausaufgaben zu helfen oder Latein-Vokabeln abzufragen. 40-Stunden-Job und Haushalt haben mir alle Kraft geraubt. Er hat sich weitestgehend selbst organisiert.

    Ich habe Sohn, ein halbes Jahr nach dem Tod seines Vaters einen neuen Partner an meiner Seite präsentiert. Er hat ihn ohne Vorurteile und mit offenen Armen empfangen. Auch die Nachricht vom Nachwuchs hat er positiv aufgenommen. Er streichelt meinen Bauch und spricht mit dem Baby.

    Natürlich ist nicht alles eitel Sonnenschein. Sohn ist mitten in der Pubertät, da sind Konflikte vorprogrammiert. Aber dennoch sind wir im vergangenen Jahr als Team zusammengewachsen. Wir verstehen uns und lieben uns sehr und sagen uns das auch. Wie gesagt, ich bin sehr stolz auf unseren Sohn. Mein Mann lebt in ihm weiter, ich kann es täglich sehen.

  • Als mein Mann starb waren anschließend erstaunlich viele Kinder bei der Beerdigung. Entweder waren es Kinder von Freunden von uns oder Freunde unseres Sohnes. Die Mutter eines dieser Freunde sagte mir, dass ihr Sohn unbedingt dabei sein wollte, auch auf die Gefahr hin, dass es insgesamt sehr traurig wird. Früher wurden Kinder oft von Beerdigungen fern gehalten, sogar, wenn es sich um engeste Verwandte oder ein Elternteil handelte. Für mich unvorstellbar.

    Ich fand es schön, dass so viele Kinder freiwillig bei Michaels Trauerfeier dabei waren, auch für meinen Sohn. Er hat gesehen, dass seine Freunde Anteil an unserer Trauer nehmen. Und auch, wenn manche von ihnen bitterlich geweint haben oder nicht wussten, was sie sagen sollten: Es war gut, dass sie da waren. Beerdigungen gehören zum Leben dazu und können vielleicht auch dabei helfen, sich zu verabschieden und den Tod zu akzeptieren. Das Alter spielt sicher eine wichtige Rolle, aber im Grunde hängt es vom einzelnen Kind ab. In unserem Fall war das jüngste Kind auf der Trauerfeier 8 Jahre alt.

  • Ich habe meinen Freund gefragt, ob es eigentlich einen Unterschied macht, dass er nun mit einer Frau zusammen ist, die Witwe ist. Er sah mich mit großen Augen an und meinte „Natürlich. Das ist ein Riesenunterschied. Vor allem, wenn sie auch noch ein Kind hat.“

    Er hat es mir so erklärt: „Du triffst eine Frau, die Dir gefällt. Dann erfährst Du, dass sie ihren Mann auf tragische Art verloren hat. Sie und ihr Kind sind emotional total offen. Du kannst nur vermuten, wie es in ihnen aussieht. In der Wohnung steht in fast jedem Raum ein Bild des toten Mannes. Eine Art Mausoleum. Du ahnst, dass Du immer mit dem Mann verglichen wirst. Egal ob bewusst oder unbewusst. Also verhältst Du Dich extrem vorsichtig. Die Freunde und die Familie begutachten Dich, das Kennenlernen gleicht einem Bewerbungsgespräch. Man muss schon total verrückt sein, ein gesundes Selbstbewusstsein haben und sehr verliebt sein, wenn man trotzdem versucht, dieser Frau näher zu kommen. Ich kann mir schon vorstellen, dass viele Männer lieber die Finger von einer verwitweten Frau lassen, denn es ist alles viel komplizierter.“

    Ich musste erstmal schlucken. Da bin ich immer mit mir oder meinem Sohn beschäftigt, aber wie es in meinem Freund aussieht, davon weiß ich nur wenig. Irgendwie bin ich automatisch davon ausgegangen, dass ihm alles total leicht fällt. Wir wohnen immerhin schon seit fünf Monaten zusammen, ohne irgendwelche Probleme oder Diskussionen. Wie viel Kraft ihn das vielleicht kostet, dazu habe ich mir nicht viele Gedanken gemacht.

    Andere Witwen haben mir geschrieben, dass sie sich nach dem Tod ihres Mannes nach einem neuen Partner sehnen, der sie wieder in den Arm nimmt. Wir sollten Männern und Frauen, die sich in eine Witwe/einen Witwer verlieben Mut machen. Sie wagen sich auf eine besondere Reise und dabei sollten sie unterstützt und nicht kritisiert werden.

  • Heute vor einem Jahr war die Urnenbeisetzung. Als ich heute im Regen am Grab stand dachte ich daran, wie wir vor 12 Monaten im kleinen Kreis um dieses Loch in der Erde standen. Die weiße Urne kam hinein, Bilder, Blumen, Sand von seiner Lieblingsinsel und ein Schluck Champagner, mit dem wir auf Michael anstießen. Dann kam die Erde darüber. Ein Meer aus Blumen lag um das Grab herum und ich dachte immer „Das kann doch alles nicht wahr sein. Ich muss träumen. Dieser Albtraum muss doch endlich vorbei gehen.“

    Heute weiß ich: Der Albtraum hört nicht auf. Er wird erträglicher. Sehnsucht und Trauer bleiben ständige Begleiter, aber die tiefe Verzweiflung wandelt sich langsam. Bei mir hat auch die Wut abgenommen. Wut auf diese Ungerechtigkeit, warum ausgerechnet mein geliebter Mann mit 42 Jahren sterben musste, warum mein Sohn nur 12 Jahre lang seinen Vater hatte, warum ich nur 14 Jahre mit Michael erleben durfte.

    Inzwischen denke ich: Was für ein Glück, dass ich Michael überhaupt kenngelernt habe, dass wir uns zufällig über den Weg gelaufen sind. 14 Jahre sind besser als nichts. Und wir haben ein tolles Kind zusammen. Immerhin hatte Sohn 12 Jahre einen Vater. Er wird sich immer an ihn erinnern können. Immerhin hatten wir uns, als Paar, als Familie, wenn auch nicht so lange wie ich mir das ausgemalt hatte.

    Dankbarkeit fühlt sich besser an als Wut.

     

  • Heute vor einem Jahr .. so beginnen gerade viele meiner Einträge.

    Heute vor einem Jahr war die Trauerfeier für Michael. Es hat geregnet, die Kapelle war völlig überfüllt, ich hatte große Angst vor diesem Tag, vor den ganzen Menschen. Mein Sohn saß neben mir, tröstete mich und andere und weinte selbst keine Träne. Das kam erst später. Ich kann mich nur noch an Bruchstücke erinnern.

    Gestern saß ich in der U-Bahn und plötzlich dachte ich, ich sehe Michael einsteigen. Dieses Gefühl hatte ich kurz nach seinem Tod öfter. Aber nun schon länger nicht mehr. Bis gestern. Ich träume auch ab und zu von ihm. Diese Träume fühlen sich sehr echt an. Wenn ich aufwache ist es als würde er noch leben. Dann setzt die Realität ein.

    Gestern Abend war ich zufällig in einem Restaurant essen, wo ich zuletzt am Tag unserer Hochzeit vor 14 Jahren war. Die Location ist eine andere, die Einrichtung neu, das Personal neu, aber dennoch: Als ich das Logo auf der Speisekarte sah, musste ich sofort an unseren Hochzeitstag denken. Damals war ich – wie heute – hochschwanger. Nur saß ich dort gestern mit meinem neuen Partner. Mein Baby zappelte im Bauch und ich dachte daran, wie mein Sohn vor 14 Jahren gezappelt hatte, als sein Vater und ich uns trauen ließen.

    Michael wird immer Teil unseres Lebens sein. Ich male mir in Gedanken auch schon aus, wie ich meiner Tochter (ja, ich bekomme ein Mädchen) von ihm erzählen werde. Ich bin traurig, melancholisch, dankbar und voller Liebe, alles gleichzeitig. Vor einem Jahr lag ich zerstört am Boden, inzwischen bin ich aufgestanden.

  • Gestern traf ich mich zum ersten Mal nach langer Zeit wieder mit einer Freundin. Wir hatten uns seit sechs Jahren nicht mehr gesehen, aber sie hatte über Ecken von Michaels Tod erfahren und sich daraufhin letztes Jahr wieder bei mir gemeldet. Sie erzählte mir von ihrer Freundin, die sehr jung gestorben ist und deren Mann auch bereits nach wenigen Monaten eine neue Partnerin hatte. Der Freundeskreis hatte damit ein großes Problem. Irgendwie kam mir das bekannt vor.

    Wir haben darüber diskutiert, woran dieses „ich habe ein Problem damit“ liegen könnte und kamen zu dem Schluss, dass es eine Mischung aus mehreren Aspekten ist:

    • Die Kürze der Zeit. Offensichtlich wird erwartet, dass ein – wie auch immer gearteter – angemessener Zeitraum vergeht, ehe eine neue Partnerin denkbar ist.
    • Die Neue ist nicht die Alte: Wenn man ehrlich ist, haben die Freunde einfach keine Lust auf jemand neuen. Sie trauern um ihre tote Freundin und dafür kann es schlicht keinen Ersatz geben. Wozu sich also auf die neue Partnerin überhaupt einlassen? Sie kann der Verstorbenen eh nicht das Wasser reichen.

    Das Ergebnis war im Fall meiner Freundin, dass der Witwer und seine neue Freundin auf Parties oder bei anderen Events das Gefühl bekamen: Ihr seid nicht willkommen. Einige Freunde zogen sich komplett zurück.

    Meine Freundin sagte mir, für sie sei es am Anfang auch komisch gewesen, ihren Freund mit seiner neuen Partnerin zu sehen bzw. die neue Partnerin im Umgang mit dem Kind der verstorbenen Freundin zu beobachten. Aber dann hat sie sich gedacht: Hauptsache, es geht meinem Freund und seiner Tochter damit gut. Es ist seine Entscheidung und ich unterstütze ihn.

    Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, wenn eine meiner Freundinnen gestorben wäre und ihr Mann hätte nach wenigen Monaten wieder eine neue Frau an seiner Seite. Aus heutiger Sicht sage ich natürlich: Ich würde versuchen, die beiden zu unterstützen und die neue Frau willkommen zu heißen. Wer sich auf eine Beziehung mit einem Witwer/einer Witwe mit Kind einlässt, wagt unglaublich viel. So viele Stolpersteine liegen auf dem Weg einer solchen Beziehung, da ist jede Hilfe, jedes positive Wort hilfreich. Aber ob ich das ohne den Tod von Michael und meine jetzigen Erfahrungen auch gesagt hätte? Ich bin mir nicht sicher.

  • Am 13. Mai jährte sich der Todestag von Michael zum ersten Mal. Der ganze Tag war geprägt von Erinnerungen und Gesprächen über ihn. Für mich war der Tag schlimmer als ich dachte. Für meinen Sohn weniger traurig als er erwartet hatte. Wir haben darüber gesprochen: Trauer verläuft eben individuell und lässt sich nicht an einem bestimmten Tag festmachen. Das wird Trauernden auch manchmal als Gefühlskälte ausgelegt – habe ich inzwischen schon öfter gehört.

    Es haben sich wenige Freunde und kaum Verwandte anlässlich des Todestages bei uns gemeldet. Ich kann es an beiden Händen abzählen. Diese Reaktion kam aber nicht unerwartet. Umso mehr habe ich mich über jene Anrufe und Mails gefreut, die sich mit uns an Michael erinnert haben. Das Schweigen der anderen ist Mißbilligung über mein Leben, für das ich mich nach dem Tod von Michael entschieden habe. Oder sie haben es schlicht vergessen. Nicht jeder muss sich schließlich diesen Tag merken.

    Von anderen Witwen bzw. Witwern weiß ich, dass die Reaktionen der Umwelt ein Jahr nach dem Tod oft so ausfallen: „Was trauerst Du denn noch? Es ist doch schon so lange her. Irgendwann muss es doch mal gut sein. Davon wird er/sie auch nicht mehr lebendig. Du musst ins richtige Leben zurückfinden.“ Als ob sich so etwas steuern ließe. Wer legt denn fest, wieviel Zeit für Trauer angemessen oder unangemessen ist? Nun, bei mir ist es genau umgekehrt. Ich trauere meiner Umwelt zu wenig, habe mein „altes Leben“ zu schnell abgehakt, habe meinen Mann anscheinend schon vergessen und gegen einen neuen ausgetauscht. Als ob so etwas überhaupt möglich wäre.

    Offensichtlich hat jeder eine Meinung dazu, wie sich ein Trauernder zu verhalten hat. Traurig, aber nicht zu traurig (depressiv). Zurückgezogen, aber nicht zum Einsiedler werden. Den Verstorbenen angemessen in Erinnerung behalten, aber bitte nicht dauernd über ihn/sie sprechen, denn das nervt. Eine neue Beziehung? Ja, irgendwann, nach drei bis fünf Jahren vielleicht. Auf keinen Fall früher. Und bitte den Neuen/die Neue vorher vorstellen, um ihn/sie vom Umfeld begutachten zu lassen. So eine Entscheidung kann ja nicht einfach alleine gefällt werden…

    Ein Jahr nach dem Tod von Michael habe ich gelernt: Konzentriere dich auf die schönen Momente im Leben. Gib Liebe und freue dich über Liebe, die du erfährst. Sei traurig, wenn dir danach ist. Nimm dir deine Zeit. Nicht zuletzt – und hier zitiere ich meine Mutter – pfeif auf das, was andere von dir erwarten. Du hast nur ein Leben.

  • Vor einem Jahr musste ich mich mit der Entscheidung beschäftigen, wann die Geräte bei meinem Mann runtergefahren werden. Es war nach 9 Tagen auf der Intensivstation klar, dass es keine Chance auf Heilung geben wird. Im Gegenteil: täglich ging es ihm schlechter, immer mehr Organe versagten. Das Bewusstsein erlangte er gar nicht mehr. Auf einmal wurde ich damit konfrontiert zu entscheiden, wann er gehen muss. Das war ein unendlich grausamer Moment.

    Da liegt der Vater meines Sohnes, mein geliebter Mann und ich soll nun auf einmal sagen: Morgen soll er gehen. Oder doch besser übermorgen? Die Diagnose war ja eindeutig und ich wusste, dass mein Mann auf keinen Fall nur von Geräten am Leben gehalten werden wollte. Vor einem Jahr stand ich plötzlich vor vielen Fragen: Wann lasse ich ihn gehen? Wie erkläre ich das unserem Sohn? Was ist richtig, was ist falsch? Warum muss ich das entscheiden? Wie kann ich morgens aufstehen und wissen, heute wird mein Mann sterben, weil ich es so festgelegt habe?

    Am Ende hat mir Michael die Entscheidung abgenommen. Dafür bin ich unendlich dankbar.

  • Das waren genau heute vor 12 Monaten seine letzten Worte zu mir. „Ich fahre jetzt von der Praxis ins Krankenhaus. Mal sehen, wird schon werden.“ Hätte ich geahnt, was wird, wäre ich sofort ins Krankenhaus gerast und nicht erst einkaufen gegangen. Zwei Stunden später saß ich mit einer kleinen Reisetasche im Warteraum vor dem OP-Bereich. Ein Arzt klärte mich über den bevorstehenden Eingriff und die Risiken auf. Bis dahin hatte ich keine Ahnung wie ernst die Lage war. Und im Nachhinein stelle ich fest, dass ich nach diesem Gespräch große Zweifel hatte, ob Michael die OP überstehen wird.

    Ich rief meine Mutter an, die sofort einen Zug nach Hamburg buchte. Ich rief eine Freundin an, die mich im Krankenhaus abholte und nach Hause brachte. Michael wurde die ganze Nacht operiert. Das war heute vor einem Jahr. Der Anfang vom Ende. Ich vermisse ihn sehr.