Im Traum

Heute Nacht habe ich nach langer Zeit wieder von Michael geträumt. Wir saßen auf einer Party nebeneinander und haben uns unterhalten. Zwischendurch habe ich ihn umarmt und einfach festgehalten. Im Traum wusste ich, dass wir uns lange nicht gesehen hatten. Aber er war fröhlich und ich war es auch. Diese Träume sind sehr selten und sie sind mir gleichzeitig so kostbar. Weil es die einzige Möglichkeit ist, Michael noch einmal zu „erleben“, weil ich ihn gesehen habe, weil ich seine Stimme gehört habe, weil für einen Moment alles gut war. Das Aufwachen ist und bleibt grausam.

Und das ist so verwirrend. Ich wache auf und bin traurig. Obwohl ich wieder glücklich verheiratet bin. Obwohl ich noch ein zweites, gesundes Kind bekommen habe. Obwohl mein Leben, so wie es jetzt ist, gut ist. Ich habe viel Glück gehabt in all meinem Unglück. Aber er fehlt, er fehlt, er fehlt.

Trauer, der ständige Begleiter

Die Ferien sind fast vorbei. Wir sind wieder zurück in Hamburg. Das dritte Weihnachten ohne Michael, das dritte Silvester ohne ihn. An den Festtagen habe ich nicht intensiver an ihn gedacht als sonst. Ich war auch nicht trauriger. Die Trauerwelle hat mich vor zwei Tagen nach unten gezogen. Ich war gerade damit beschäftigt Wäsche zu machen und habe währenddessen auf die hügelige, sonnige Landschaft um mich herum geblickt. Und plötzlich war es wieder soweit: Aus dem Nichts fange ich an zu weinen und frage mich, wie so unzählige Male zuvor: Warum bist Du nicht mehr da? Warum darf ich hier in der Sonne stehen und Du nicht? Welcher Idiot hat sich das ausgedacht? Warum durfte ich mit unserem Sohn zum Abschlussball seines Tanzkurses? Das hätte Dir so gut gefallen. Du wärst so stolz auf ihn gewesen.

Michael ist seit Mai 2015 tot. Ich spreche weiterhin jeden Tag mit ihm. Ich hatte das Glück, mich wieder neu zu verlieben und sogar noch einmal mit 45 Jahren Mutter zu werden. Aber mein Mann Michael fehlt mir nach wie vor. Ich betone das, weil immer noch von Trauernden erwartet wird, dass die Trauer doch irgendwann mal vorbei sein müsse. Ich glaube, Trauer kann nie vorbei sein. Sie ist unser ständiger Begleiter. Das muss das Umfeld schlicht akzeptieren.

 

Erinnerungen

Zur Zeit merke ich wieder, wie sehr mir Michael fehlt. Die Gespräche mit ihm, in den Arm nehmen, Musik hören. Auslöser war unser altes iPad, dass ich nach Jahren mal wieder in die Hand genommen habe.

Darauf war Musik von Michael, seine alten SMS an Freunde konnte ich teilweise lesen, Bilder sehen, die er mit dem iPad gemacht hatte. 

In drei Wochen kehre ich in meinen alten Beruf zurück. Mein Chef fragte mich vor zwei Tagen unter welchem Namen ich arbeiten werde. „Unter meinem neuen Namen“, habe ich gesagt. Es fühlt sich ein wenig wie ein Abschied von Michael an. 

Unser Sohn ist gerade mitten in der Pubertät. Ich frage mich derzeit oft, wie wohl Michael in dieser oder jener Situation entschieden hätte.

Ich bin sehr glücklich mit meinem Mann und den beiden Kindern. Aber zugleich auch voller Trauer um Michael. Unverändert. 

Ehemalige Freunde

Ich habe mich oft gefragt woran es liegt, dass sich ehemalige Freunde nach Michaels Tod auf einmal überhaupt nicht mehr gemeldet haben. Dabei bin ich zu dem Schluss gekommen: Es liegt an mir, an meiner neuen Beziehung, die abgelehnt wird, an meinem zweiten Kind, das ich noch im hohen Alter (der Vater ist noch älter) bekommen habe. Das überfordert viele Menschen bzw. sorgt schlicht für Wut.

Nun habe ich von meiner Freundin, die sich ebenfalls zwei Jahre zurückgezogen hatte (ich habe in meinem letzten Beitrag kurz dazu geschrieben), erfahren, es würde vor allem daran liegen, dass sich diese Freunde um unseren Sohn Sorgen gemacht hätten. Das kann ich zum Teil gut nachvollziehen. Mein Sohn hat in diesem ersten Jahr nach dem Tod seines Papas unglaubliche Veränderungen in seinem Leben akzeptiert. 

Was ich aber nicht verstehe: Wenn man sich Sorgen macht, dann sucht man doch erst recht den Kontakt, um zu sehen, wie es unserem Sohn geht? Aber genau das Gegenteil ist passiert, als ob mit Michael auch unser Sohn gestorben ist. Ich habe noch die Worte von einigen Menschen im Ohr: „Was auch immer passiert, Du weißt, dass wir für Dich und Deinen Sohn da sind.“ „Ich kümmere mich um euren Sohn, den Vater kann ich nicht ersetzen, aber ich kann Männersachen mit ihm machen.“ Danach haben wir noch einmal etwas voneinander gehört und dann war mit dem Eintritt meines neuen Partners sofort Schluss.

Stattdessen wurde hinter unserem Rücken wild spekuliert, was wohl alles in meinem Sohn vorgehen wird. Was ich ihm mit meinen Entscheidungen alles antue. Ich weiß von anderen Witwen und Witwern, dass sie ähnliche Erfahrungen gemacht haben. 

Meine Bitte: Nicht die Wut oder das Unverständnis indirekt an den hinterbliebenen Kindern auslassen. Sie können nichts dafür (ach was), aber sie bekommen alles mit, vor allem wenn sie älter sind. Im Zweifel, einfach direkt ansprechen, das ist tausendmal besser als ein kompletter Abbruch der Beziehungen. Und ich bin fest überzeugt, dass es auch im Interesse des verstorbenen Freundes/der verstorbenen Freundin ist. 

Der 3. Geburtstag

Heute ist Michaels Geburtstag. Er wäre 45 Jahre alt geworden. Der 3. Geburtstag ohne ihn. Diese Septemberwoche war immer etwas besonderes für uns, denn wir haben alle drei hintereinander Geburtstag. Wirklich ein Zufall.

Wir waren wie ein dreiblättriges Kleeblatt. Ein Blatt gibt es nicht mehr. Das fällt mir immer wieder auf, besonders aber an unseren Geburtstagen.

Ich sitze mit meiner Tochter am Grab, sie schläft im Kinderwagen, um uns herum sind die Gärtner wild am Arbeiten. In Ohlsdorf ist immer etwas zu tun.
Ich rede mit Michael, aber ich gebe zu, es gibt andere Orte an denen ich mich ihm näher fühle als hier auf dem Friedhof.


Gestern habe ich zum ersten Mal mit einer jener Freundinnen offen gesprochen, die meine Schwangerschaft komplett abgelehnt hatten. Es war ein gutes und sehr offenes Gespräch. Zwei Jahre hat es gedauert, bis das möglich war. Ich weiß, dass Michael sich sehr darüber freuen würde. „Na endlich“, würde er sagen, „Und jetzt trinken wir ein Glas auf meinen Geburtstag.“

Das machen wir.

Papa wird sterben

Ich weiß nicht, wie andere Hinterblieben das empfinden, aber für mich war einer der schlimmsten Momente als ich unserem Sohn sagen musste, dass sein Vater wahrscheinlich sterben wird. Ich habe den Moment noch genau vor Augen. Unser Sohn war 12 Jahre alt. Michael war seit drei Tagen im Krankenhaus, lag noch in einer Art Koma, aus dem er nicht erwachte und der Arzt hatte mir zum ersten Mal gesagt, dass es leider eine hohe Wahrscheinlichkeit gibt, dass Michael den Eingriff nicht überleben wird. Ich hatte es irgendwie die ganze Zeit gefühlt. Als ich nach Hause kam, sprach ich mit Sohn. Er war geschockt und fassungslos und wollte unbedingt sofort zu seinem Vater ins Krankenhaus. Ich hatte das in einem älteren Beitrag schon einmal beschrieben.

An diesem Abend habe ich auch den Klassenlehrer informiert, das war zwei Tage, ehe die Pfingstferien anfingen. Unser Sohn ging nicht zur Schule, stattdessen war er mehrfach im Krankenhaus. Michaels Zustand schien sich daraufhin zu stabilisieren. Also entschieden wir: Sohn fährt mit Freunden in den Ferien nach Sylt. Was soll er auch die ganze Zeit mit mir im Krankenhaus verbringen. Ich war auch froh, dass Sohn „aufgeräumt“ und abgelenkt war. Alles besser als das Chaos und die Verzweiflung, die bei uns zu Hause herrschten.

Am Tag als Sohn nach Sylt fuhr, erfuhr ich im Krankenhaus, dass es für Michael keine Heilung geben wird und dass er sterben wird. Ich habe Sohn abends auf Sylt angerufen, meine Freundin, die ihn betreute, wartete im Nebenzimmer. Ich hatte sie vorher darüber informiert, was ich Sohn sagen würde. Natürlich fand ich es furchtbar, Sohn am Telefon sagen zu müssen, dass sein Vater sterben wird. Ich konnte ihn nicht in den Arm nehmen und trösten. Das hat meine Freundin übernommen. Aber ich wollte nicht nach Sylt fahren und Michael in Hamburg alleine zurücklassen. Ich wollte auch nicht Sohn wieder zurück nach Hamburg ordern. Ich habe ihn gefragt, ob er seinen Vater noch einmal sehen möchte. Er wollte nicht. Und ich war froh darüber, denn Michael sah man an, dass es ihm schlechter ging.

Zwei Tage später starb er, in der Nacht zum Vatertag. Wieder musste ich am nächsten Tag telefonieren. Und ich war wieder nicht da, um meinen Sohn in den Arm zu nehmen und zu trösten. Das hat wieder unsere Freundin übernommen, mit ihrer Familie und Freunden. Mittags fuhren sie an Michaels Lieblingsstrand, hielten sich fest im Arm, sammelten Sand und gingen anschließend in einem unserer früheren Lieblingsrestaurants essen. Und Sohn hat mit gutem Appetit gegessen. Als meine Freundin mir Bilder vom Strand und aus dem Restaurant schickte und beschrieb, dass er den ganzen Fisch verspeist hatte, fasste ich so etwas wie Hoffnung. Ich dachte: Sohn und ich, wir können diese Katastrophe überleben. Wir können das schaffen. Der Sand kam in Michaels Grab.