fischleinfischlein

Blog einer Hamburger Witwe

  • Ich werde den ein oder anderen Menschen damit vielleicht vor den Kopf stoßen. Aber es ist wie es ist: Ich bin verliebt. Es hat sich seit einigen Wochen vorsichtig angedeutet, auch wenn mir allein die Vorstellung mich nach so kurzer Zeit auf einen anderen Menschen einzulassen, völlig absurd erschien.

    Ich bin verliebt, aber ich weine dennoch um Michael. Er fehlt mir auch unverändert. Und wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich immer sagen, alles soll wieder so sein wie früher. Aber ich habe keinen Wunsch frei. Stattdessen habe ich das Glück einen besonderen Menschen getroffen zu haben. Der mir zeigt, dass ich noch lebe. Dass ich nicht mit Michael gestorben bin, auch wenn es sich anfangs so anfühlte. Dafür bin ich dankbar.

    Und es ist mir ehrlich egal, wenn vielleicht manche Menschen jetzt denken: So schnell? Wahrscheinlich hat sie ihn nie richtig geliebt. Vielleicht war die Ehe nicht glücklich. Das kann keine echte Liebe gewesen sein. All diesen Gedanken kann ich nur entgegnen: Ihr habt keine Ahnung und ihr könnt euch nicht in mich hineinversetzen. Mich interessiert nur die Meinung meines Sohnes. Und wir beide sind uns sehr einig.

  • Endlich, ich habe die Steuer 2014 hinter mich gebracht. War gar nicht so schlimm wie befürchtet, denn Michael hatte schon recht viel vorsortiert.

    Während ich Belege aus dem Jahr 2014 geheftet und geklebt habe, habe ich viel geweint. Erinnerungen an unser letztes Jahr kamen hoch, ich bin das komplette Jahr in Gedanken durchgegangen. Und ich fasse es teilweise immer noch nicht, dass er nicht mehr da ist und auch nie wieder da sein wird.

    Das letzte Wochenende war aber nicht nur von der Steuer bestimmt.

    Am Samstagabend bin ich zu einem Gänseessen gegangen, das Kneipenfreunde meines Mannes einmal im Jahr veranstalten. Wir waren vor drei Jahren schon mal dabei, die letzten Male konnten wir aber immer nicht. Als nun die Einladung an mich kam habe ich keine Sekunde gezögert und sofort zugesagt.

    Ich kannte vor Ort kaum jemanden und war etwas aufgeregt. Aber alle waren sehr herzlich zu mir. Ich wurde oft in den Arm genommen und ich hatte das Gefühl, die Leute sprechen auch normal mit mir. Es gibt ja Menschen, die in so einen komischen Tonfall verfallen, sobald sie hören, dass ich Witwe bin. Das macht mich total agressiv. Aber das war am Samstag zum Glück nicht der Fall. Sonst wäre ich nicht bis 1.00 Uhr geblieben …

    Am Sonntag lag ich verkatert im Bett. Sohn war im Musik-Lager mit dem Chor und ich hatte das Wochenende für mich. Als ich meinen Kaffee trank und Musik hörte fiel mir plötzlich ein, dass ja an diesem Sonntag ein Gedenkgottesdienst in unserer Gemeinde stattfinden sollte, bei dem die Namen der verstorbenen Gemeindemitglieder aufgerufen werden. Und für alle sollte eine Kerze angezündet werden.

    Ich bin losgesprintet und kam auch nur leicht verspätet in die Kirche. Ich habe mich auf den Platz gesetzt, auf dem wir zuletzt zwei Wochen vor Michaels Tod saßen bei einer Konfirmation. Ich saß dort und habe fast die ganze Zeit geweint. Als die Namen und das Alter vorgelesen wurden stellte ich fest, dass Michael der Jüngste war. Das älteste verstorbene Gemeindemitglied war 103 Jahre alt geworden. Das machte mir mal wieder bewusst wie jung mein Mann war als er starb.

    Es ist gefühlsmäßig immer noch ein ständiges Auf und Ab. Schon weniger als noch vor drei Monaten. Aber immer noch sehr intensiv.

  • Heute vor sechs Monaten starb Michael. Ein halbes Jahr ohne ihn. Kein Tag, an dem ich seitdem nicht an ihn gedacht habe.

    Ich habe den Verwaltungskram fast vollständig erledigt. Den Rest (Steuer 2014, ja, bin spät dran, ich weiß) mache ich in den kommenden Tagen. Nach knapp sechs Monaten haben wir auch endlich den Bescheid zur Witwen- und Waisenrente bekommen. Das Ergebnis kannte ich ja schon. Ich bekomme keine Witwenrente, weil ich zu viel verdiene. Sohn bekommt eine kleine Waisenrente. Keine Überraschung an dieser Stelle. Ich habe Glück gehabt, dass ich bereits einen Vollzeit-Job habe. Hätte ich in Teilzeit gearbeitet – wie einige Mütter, die ich in der Trauergruppe kennengelernt habe – dann müsste ich mir zu allem Übel noch einen neuen Job suchen. So läuft es gerade ganz ok, auch weil wir in einer Eigentumswohnung leben. Müsste ich noch eine Miete alleine stemmen, müssten wir uns eine neue Wohnung suchen. Auch das habe ich schon in der Trauergruppe gehört. Alles zusätzliche Probleme, die man als Witwe nicht braucht.

    Ich habe Michaels Sachen noch nicht aussortiert. D. h. doch, einen Teil der Schuhe habe ich weg gegeben. Aber der Großteil der Kleidung ist noch in den Schränken. Ein Projekt, das ich vielleicht über die Weihnachtstage angehe, wenn meine Eltern zu Besuch da sind. Die können mir dann helfen und mich trösten. Denn dann werden viele Tränen fließen. Das weiß ich jetzt schon.

    Was hat sich noch verändert nach sechs Monaten? Ich kann mir grundsätzlich eine neue Beziehung vorstellen. Wie ich schon geschrieben habe: Ich bin zu jung, um für den Rest meines Lebens alleine zu bleiben. Darauf habe ich auch gar keine Lust. Sohn wird in spätestens 6 Jahren ausziehen (so der Plan). Und dann? Sitze ich alleine in einer großen Wohnung? Das möchte ich auf keinen Fall. Und das hätte Michael auch nicht gewollt. Ich spreche oft mit ihm, entweder am Grab oder wenn ich abends im Bett liege. Dann frage ich ihn nach seiner Meinung und horche in mich hinein. Er will, dass es mir gut geht und dass ich die Kraft habe, mich um Sohn zu kümmern. Woher ich diese Kraft nehme, ist meine Sache. Sollte jemand meinen, dass es zu früh für mich ist, an eine neue Beziehung zu denken, dann kann ich nur sagen: Pech. Das interessiert mich nicht.

    Ein halbes Jahr ist vorbei. Das längste halbe Jahr meines Lebens. Sohn und ich haben uns verändert. Wir sind nicht mehr die, die wir waren. Unser Leben ist nicht mehr wie es war. Wir haben eine Zäsur hinter uns und den Rest unseres Lebens vor uns. Ein Leben ohne Michael.

  • Die Ferien sind vorbei, wir sind wieder zu Hause.

    Der Urlaub war schön und dringend notwendig. Sohn und ich waren zuerst einige Tage an der Nordsee. Dort waren wir auch oft mit Michael. Dort war Sohn als Michael im Krankenhaus starb. Wieder an diesen Ort zurückzukehren sorgte für viele Erinnerungen bei uns. Bei Sohn waren es durchweg gute Erinnerungen („Hier waren wir auch immer mit Papi“), bei mir auch traurige. Ich habe viel gelacht in dieser Zeit, aber auch viel geweint.

    Nach der Nordsee ging es für eine Woche in den warmen Süden. Wir haben im Meer gebadet, sind am Strand gelegen, Sohn hat mit seinem Freund den Pool und die Wasserrutschen unsicher gemacht oder ist über das Fußballfeld gestürmt. Wir haben viel gegessen, ich habe drei Kilo zugenommen und wiege nun wieder 48 Kilo. Alles in allem sind wir einigermaßen erholt nach Hamburg zurückgekommen. Auch wenn Sohn zwischendurch einen Tag hatte, an dem es ihm nicht gut ging. Er hatte plötzlich starke Kopfschmerzen. Nach zwei Sitzungen bei einer Masseurin ging es ihm aber wieder besser. Und seitdem gab es auch keine Kopfschmerzen mehr. Die Massagen werden wir in Hamburg beibehalten. Es tut ihm gut.

    Jetzt wartet wieder der Alltag auf uns. 40 Stunden + Haushalt auf mich. Auf Sohn Schule und wöchentlich bis Weihnachten zwei Klassenarbeiten. Wir versuchen, unsere Kräfte einzuteilen. Mal sehen wie es uns gelingen wird.

    Ich blicke vorsichtig hoffnungsvoll in die Zukunft. Sohn und ich sind jung, wir haben alles bzw. noch viel vor uns. Ich möchte nicht, dass Michaels Tod alles bestimmend wird. Für uns muss und wird es weitergehen.

  • Seit fünf Monaten ist Michael tot.

    Ich merke, dass meine Kräfte jeden Tag weniger werden. Sohn geht es ähnlich und wir schleppen uns gerade bis zu den Hamburger Herbstferien. Dann fahren wir weg, für zwei Wochen.

    Noch nie in meinem Leben habe ich mich so auf Urlaub gefreut. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, Michael alleine zu lassen. Weil ich nicht zu seinem Grab gehen kann. Wenn ich dort rumpuzzle ist es, als würde ich an ihm rumzupfen oder streicheln. Das mache ich jetzt zwei Wochen lang nicht.

  • Seit dem Tod von Michael habe ich noch zweimal geträumt. Dann war es vorbei. Ich träume nicht mehr. Einfach so. Ich habe früher intensive Träume gehabt. Jetzt ist da nur noch ein dunkles Nichts.

    Insgesamt schlafe ich seit einigen Wochen sehr wenig. Nach vier Stunden wache ich auf und liege den Rest der Nacht wach und denke nach. Manchmal sehe ich mir dann alte Bilder an oder höre Musik oder weine eine Runde.

    Mein Leben fühlt sich gerade wie ein Traum an, aus dem ich nicht mehr aufwache.

  • Langsam bricht auch die Trauer bei unserem Sohn nach außen. Er hat Angst um mich. Er möchte abends nicht mehr alleine sein. Am liebsten wäre es ihm, ich wäre ständig um ihn herum.

    Wenn Freunde meines Mannes zu Besuch da sind, kuschelt und schmust er mit ihnen. Ihm fehlen die Umarmungen seines Vaters. Schon als Baby lag er immer bei seinem Vater und hat dort geschlafen. Mir war es immer zu eng und zu nah.

    Auch wenn er krank war, lag stets sein Vater neben ihm, fast nie ich. Michael konnte neben Sohn schlafen, selbst wenn der sich die halbe Lunge rausgehustet hat. Ich hingegen stand wach neben dem Kinderbett und kam überhaupt nicht zur Ruhe. Also haben wir getauscht.

    Jetzt merke ich, die Kraft, die ich für mich brauche, muss ich teilen. Um meinen Sohn auf dem Trauerweg nicht zu verlieren.

  • Letzte Woche war Michaels Geburtstag. Und meiner, und der meines Sohnes. Ich hatte Angst vor diesen Tagen. Das erste Mal feiern wir unsere Geburtstagswoche ohne ihn.

    An Michaels Geburtstag hatte ich eine kleine Runde unserer Freunde zu mir nach Hause eingeladen. Wir haben auf ihn angestoßen und viel an ihn gedacht. Wir haben aber auch über andere Dinge gesprochen, wie man es halt so macht, wenn man zusammenkommt. Ich fühlte mich wie in Trance. Und auch heute bin ich noch komplett erschöpft. Meinem Sohn geht es ebenso. Er leidet gerade besonders.

    Trotz Erschöpfung  bin ich gleichzeitig total unruhig, am liebsten möchte ich mich täglich auf mein Rennrad schwingen und einfach nur stumpf vor mich hinfahren. Ich habe sonst das Gefühl zu zerplatzen. Nachts liege ich wach und denke darüber nach, warum mein Leben ist wie es ist. Warum ich bestimmte Menschen treffe, die mir plötzlich nahe sind, obwohl ich sie erst wenige Wochen kenne. Warum mir andere Menschen ferner denn je erscheinen.

    Ich lasse mich treiben – sehr untypisch für mich.

  • Aktuell fühle ich mich wie ein Boot, das von Wellen hin und her geworfen wird. Sie tragen mich nach oben und nach unten. In einem Tempo, das mir manchmal zu schnell und manchmal zu langsam ist.

    Ich bin willenlos und müde.

    In guten Momenten höre ich mir Musik an, die ich mit Michael verbinde. Ich sehe schöne Dinge um mich herum und kann mich darüber freuen. In schlechten Momenten muss ich von einer Sekunde zur nächsten weinen. Ich kann nichts essen. Dieses ständige Schwanken zwischen sich ok fühlen oder tieftraurig sein, ist anstrengend.

    Gestern habe ich Michaels Pyjama gewaschen, den er in seiner letzten Nacht zu Hause getragen hat. Ich hatte ihn aufgehoben, um immer wieder daran zu schnuppern und ihn festzuhalten. Der Duft ist weg. Nach vier Monaten.

  • Am Wochenende war ich zum ersten Mal seit dem Tod von Michael tanzen. Ich habe mich schon lange nicht mehr so lebendig gefühlt. Zwischendurch kam dann ein langsames Lied und alle Paare um mich herum auf der Tanzfläche haben sich plötzlich umarmt und eng miteinander getanzt. Ich stand allein am Rand, hatte meinen Drink in der Hand … und habe mich gefreut.

    Ich habe mich über die Liebe gefreut, die diese Paare ausgestrahlt haben. Wie schön, dass sie sich haben, dachte ich. Komischerweise war ich nicht traurig oder gefrustet oder sauer. Das hat mich selbst total überrascht. Ich musste an Michael denken und habe gelächelt.