fischleinfischlein

Blog einer Hamburger Witwe

  • Heute vor einem Jahr haben wir als Familie den letzten Tag zusammen verbracht. Wir hatten ein intensives Mai-Wochenende und Michael wollte noch unbedingt auf ein Straßenfest gehen. Ich machte mir Sorgen, denn er machte beim Bummel über das Fest immer wieder eine Pause, als ob er sich ausruhen müsste. Aber da er am nächsten Tag sowieso einen Arzttermin hatte, wollte ich ihn nicht nerven.

    Im Nachhinein habe ich mir viele Vorwürfe gemacht. Warum habe ich ihn nicht viel früher zum Arzt geschickt? Warum ist mir überhaupt nicht aufgefallen wie schwer krank er tatsächlich schon war? Ich weiß, dass diese Frage „Was wäre wenn,,,?“ nichts bringt. Es ändert überhaupts nichts an der heutigen Situation. Aber ich kann nicht anders.

    Die aktuelle Phase zwischen 30.4. und 13.5. ist für mich sehr schwer. Ich kann mich an jeden Tag vor einem Jahr erinnern. Wie schön unser letztes gemeinsames Wochenende war. Wie plötzlich unsere Welt am 4.5. aus den Fugen geriet. Wie alles am 13. Mai auf einmal vorbei war. Ich habe viele Bilder vor Augen. Gespräche. Momente.

    Den „Wonnemonat Mai“ gibt es für mich seit einem Jahr nicht mehr. Im Mai ist mein Mann gestorben. Im Mai ist ein Teil meines Lebens zu Ende gegangen.

  • Ich denke oft: Ich entspreche nicht dem Bild einer Witwe. Das meine ich nicht nur optisch (trage schwarz nur, wenn ich es schick finde und nicht weil ich glaube, ich muss) oder aufgrund meines Alters (oft denken Menschen bei „Witwe“ an ältere Damen). Ich meine mein Handeln. Ziemlich schnell nach Michaels Tod war mir klar: Mein Leben wird weitergehen. Ich muss für meinen Sohn da sein. Ich muss funktionieren und mich zusammenreißen.

    Vier Wochen nach der Beerdigung war ich das erste Mal auf einer Geburtstagsfeier. Natürlich fühlte es sich komisch an. Auf der anderen Seite dachte ich auch: Michael hat immer gerne gefeiert, das hier würde ihm grundsätzlich gefallen.

    Ich bin weiterhin zur Kosmetik gegangen und habe auf mein Äußeres geachtet. Vielleicht sogar noch mehr als vorher. Ich wollte einfach nicht als „die arme Witwe“ gesehen werden. Darf eine Witwe geschminkt, mit lackierten Nägeln und frisch geföhnter Welle rumlaufen? Sollte sie nicht gegrämt und gebeugt aussehen? Manchmal dachte ich, die Leute waren überrascht, wie „normal“ ich aussah. Nur dass ich total dürr geworden bin, das fiel auf und passte dann doch irgendwie in das Trauerbild.

    Mit meiner neuen Freundin, die ich am Grab meines Mannes kennengelernt habe, bin ich drei Monate nach Michaels Tod tanzen gegangen. Sie tickt ähnlich wie ich. Auch sie Witwe und auch sie will weiterleben, muss, für ihren Sohn. Darf eine Witwe tanzen? Ich finde, sie sollte sogar. Tanzen macht den Kopf für kurze Zeit frei. Tanzen lenkt ab.

    Ich habe mich relativ schnell nach dem Tod von Michael neu verliebt. Damit hätte ich nie gerechnet. Das war jenseits all meiner Vorstellungskraft. Einige Menschen aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis haben damit ein großes Problem. Oft standen unausgesprochen viele Fragen im Raum: Musste das so schnell gehen? Konntest Du nicht einmal das Trauerjahr abwarten? Warum gleich wieder eine feste Beziehung? Du hast den Verlust doch noch gar nicht verarbeitet! Handelt so eine Witwe? Eine Frau, die aufrichtig trauert? Darf eine Witwe, sechs Monate nach dem Tod ihres Mannes schon wieder einen neuen Partner haben?  Meine Meinung (natürlich): Ja, soll sie doch. Wenn es sich ergibt.

    Und um das Bild der untypischen Witwe zu vervollständigen: Ich erwarte ein Kind. Und ich freue mich sehr über dieses unerwartete Geschenk. Und mein Sohn freut sich – nach anfänglicher Skepsis – ebenfalls. Er streichelt meinen Bauch und denkt über Namen nach und was er mit seinem Bruder/seiner Schwester später machen wird.

    Trotz allem, trotz neuer Liebe, neuem Leben: Ich vermisse Michael. Ich denke täglich an ihn. Ich weine um ihn. Das ist schwierig zu verstehen. Und für manche unmöglich zu akzeptieren. Ich weiß.

    Dennoch:  Wer nicht in einer ähnlichen Situation wie ich war oder ist, kann mein Handeln kaum beurteilen. Ich habe in den letzten Monaten gelernt, dass nichts bleibt wie es war. Alles ist möglich, auch das Unvorstellbare.

     

     

  • Jetzt beginnt eine Zeit, vor der ich mich gefürchtet habe. Der letzte Monat, ehe sich Michaels Krankenhausaufenthalt und sein Tod zum ersten Mal jähren. Fast täglich denke ich daran, was wir heute vor einem Jahr gerade gemacht haben. Fast täglich denke ich daran, wie sehr sich mein Leben seitdem verändert hat.

    Ich habe meinen Mann verloren. Mein Kind hat seinen Vater verloren. Ich habe Freunde verloren. Ich habe im Nachhinein Seiten an meinem Mann entdeckt, die ich nicht kannte, aber andere schon. Von all dem habe ich heute vor einem Jahr noch nichts geahnt. Zum Glück, denn ich wäre sonst verzweifelt.

    Der Tod an sich ist schlimm genug. Aber schlimm sind auch die Menschen, die mich seitdem belogen haben. Die mich verurteilen und schlecht über mich sprechen. Die großartig getönt haben, sie wären immer für meinen Sohn da und sich dennoch nicht mehr melden.

    Ich bin froh, wenn diese letzten vier Wochen vorbei sind. Denn mit all dem Traurigen hat dieser Jahrestag auch etwas Reinigendes. Ich konzentriere ich mich auf das Positive, das vor mir liegt: Auf meinen Sohn, meine Familie, meinen Partner und mein Baby, das ich erwarte.

  • Wir waren zwei Wochen zu Dritt im Urlaub. Sohn, mein Freund und ich. Richtig weit weg in der Sonne. Auf einer winzigen Insel, auf der man sich nicht gut aus dem Weg gehen kann und automatisch viel Zeit miteinander verbringt. Es hätte viel schief gehen können. Ist es aber nicht.

    Es war ein toller Urlaub. Für alle, auch für Sohn. Er hatte noch nicht einmal Interesse, andere Kinder kennenzulernen. Stattdessen hat er die gesamte Zeit mit uns oder alleine verbracht. Je nachdem, worauf er Lust hatte.

    Wir haben geschnorchelt, zusammen im Meer gebadet, viel geredet. Über seinen Vater, über Freunde, über das Leben, das vor uns liegt.

    Seit 10 Monaten ist Michael tot. Wir vermissen ihn sehr und genießen trotzdem die schönen Momente, die wir erleben dürfen.

  • Abgesehen davon, dass ich meine Umgebung mit meiner neuen Liebe so kurz nach dem Tod meines Mannes geschockt habe, habe ich mich selbst oft gefragt, ob ich mich umgekehrt überhaupt auf so eine Beziehung eingelassen hätte.

    Mein Mann und ich haben uns nicht im Bösen getrennt. Im Gegenteil: Wir wurden in einer sehr glücklichen Phase unserer Beziehung plötzlich auseinandergerissen. Wenn zu Hause von Michael die Rede ist, dann immer liebevoll, sehnsüchtig, oft auch traurig. Wie muss sich das für den neuen Partner anfühlen?

    In den vergangenen Wochen hatten wir ab und an die Situation, dass wir zusammen unterwegs waren und plötzlich erinnerte etwas an Michael. Entweder der Ort, an dem wir waren, Dinge die wir gegessen oder getrunken haben oder ein Musikstück im Radio. Von jetzt auf gleich ändert sich dann bei Sohn und mir die Stimmung. Wir werden traurig, weinen manchmal und nehmen uns in den Arm. Diese Momente sind weder steuerbar noch vorhersehbar. Sie kommen aus dem Nichts.

    Mein Freund macht instinktiv alles richtig. Er gibt uns Zeit traurig zu sein, egal ob zu Hause oder im Restaurant. Er versucht an keiner Stelle meinen Mann zu ersetzen, was natürlich auch nicht funktionieren würde. Er hört zu und interessiert sich für den Mensch, der mein Mann war. Er interessiert sich dafür wie es Sohn und mir geht. Und bleibt doch er selbst.

    Ich glaube, nur so kann es funkionieren. Mit viel Verständnis, Toleranz und vor allem: Liebe.

     

     

  • Morgen sind es 9 Monate seit Michaels Tod. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an ihn denke oder mit unserem Sohn über ihn spreche. Er ist noch sehr gegenwärtig.

    Ich habe in den letzten zwei Wochen viel erledigt: Ich habe seine gesamte Platten- und CD-Sammlung an zwei sehr enge Freunde verschenkt. Das Equipment seines  Musikstudios, das er sich zu Hause eingerichtet hatte, hat ein Freund bekommen, mit dem er in einer Band gespielt hat. Seine Kleidung und Schuhe sind aussortiert und an gute Stellen verteilt worden. Eine Chili-Sammlung samt Kochbuch habe ich an einen Freund verschenkt. Ebenso Pizzastein und Pizzaschaufel. Das alles war Michaels Metier, nicht meines.

    Der Speicher wurde ausgemistet. Eigentlich wollten Michael und ich das bereits seit Jahren angehen, aber so richtig konnten wir uns nicht überwinden. Bequemlichkeit halt. Jetzt habe ich einfach ein Entrümpelungsunternehmen bestellt und der Speicher ist fast leer.

    Die Wohnung hat sich verändert. Was auch daran liegt, dass mein Freund zu uns gezogen ist. Auch hier der Hinweis: Wem das zu schnell erscheint …, das interessiert mich nicht. Mein Leben, meine Entscheidung. Einzig mit meinem Sohn bespreche ich mich.

    Wir lachen viel. Mit wir meine ich uns drei: Sohn, meinen Freund, mich. Dennoch ist Michael weiterhin anwesend. Im Bild, im Gespräch. Gar nicht dominierend  und immer traurig, eher im Sinne von: Was hätte Papi wohl dazu gesagt? Oder: Papi würde jetzt diesen oder jenen Spruch bringen.

    Ich habe endlich einen Grabstein in Auftrag gegeben. Es wird noch bis zum Frühling dauern, bis er steht. Aber ich bin froh, einen Stein gefunden zu haben, der uns gefällt. Sohn und ich haben ihn ausgesucht und auch die Beschriftung bestimmt.

    Es gibt immer wieder Momente, in denen ich geradezu körperlich spüre, wie sehr mir Michael fehlt. Ich weiß noch genau, wie er sich anfühlte, seine Hände, seine Haare, sein drei-Tage-Bart. Es sind erst 9 Monate vergangen. Es sind schon 9 Monate vergangen.

  • Freitag war schulfrei. Hamburger Zeugnisferien. Sohn und ich sind morgens nach London geflogen. Die Reise war ein Geschenk von seiner Tante und mir zu Weihnachten. Anfangs war Sohn alles andere als begeistert: Sightseeing. Wie langweilig. Alles schon aus dem Englisch-Unterricht bekannt. Können wir nicht was anderes machen? Ich dachte er freut sich und dann so was.

    Dennoch: Einen Tag vor Abreise stellte sich so etwas wie Vorfreude ein. Und Aufregung. Bei uns beiden. Freitag morgens ging es dann zum Flughafen. In London angekommen war Sohn bereits von der U-Bahn begeistert. Man sitzt sich in langen Reihen gegenüber. Toll! Im Hotel gab es unerwarteterweise ein Upgrade: Großes Zimmer mit Blick über London in Knightsbridge. Sohn setzte sich ans Fenster und blickte über Londons Dächer.

    Natürlich haben wir trotzdem Sightseeing gemacht, aber ganz wenig. Buckingham Palace, Westminster Abbey, Big Ben, Victoria & Albert Museum. Das war kurz und ok. Viel besser waren aber der Besuch von London Bridge Experience und ein Straßenkünstler vor Harrods, der Sohn spontan in seine Performance eingebunden hat.

    Wir sind zusammen schick essen gegangen: indisches Restaurant, riesige Halle, Piano-Spieler vor einem Kamin, viele Kellner im Anzug. Wir sind zusammen Fastfood essen gegangen: McD und KFC. Wir hatten Afternoon Tea mit Scones, Sahne und Marmelade. Abends durfte er mal von meinem Bier nippen.

    Wir haben viel geredet. Über Michael, über uns, über meinen neuen Freund. Wir haben  viel gelacht und viel gekuschelt. Als wir gestern Abend spät landeten, waren wir uns einig: toller Kurzurlaub. Machen wir jetzt jedes Jahr. Nur wir zwei.

  • Gestern Abend standen Sohn und ich im Bad. Wir unterhielten uns darüber, dass ich am vergangenen Wochenende mit einer Freundin Michaels Kleidung aussortiert hatte. Ich habe drei Kleidungsstücke von ihm behalten: ein rosa Shirt, über das wir immer Witze gemacht haben, wenn er es trug. Eine Jacke, auf der der Name seiner Band steht und die er im Rahmen eines Festival-Auftrittes bekommen hatte. Und das Hemd, das er an dem Tag trug als er ins Krankenhaus kam.

    Dieses Hemd ist noch in der Krankenhaustüte verpackt, die man mir damals in die Hand drückte, als Michael auf der Intensivstation lag. Sobald ich die Tüte öffne, rieche ich das Parfum von ihm. Wo alle anderen Sachen nicht mehr nach ihm duften, in dieser Tüte ist es genau das Gegenteil.

    Gestern Abend also fragte mich Sohn plötzlich, wo er denn das Hemd finden würde, das Papa zuletzt getragen hatte. Ich erklärte es ihm (während ich unter der Dusche stand) und wartete ab. Nach einiger Zeit kam er zurück ins Badezimmer und sagte: „Warum verdammt noch mal, ist eigentlich ausgerechnet mein Vater gestorben?“ Ich sagte: „Weil er krank war und keiner wusste wie sehr krank.“ Sohn war einen Moment still, dann öffnete er Michaels Badezimmerschrank, nahm eines der Parfums raus, die dort noch stehen und sprühte seinen Schlafanzug damit ein.

     

  • Wir haben das alte, bescheuerte Jahr verabschiedet. Zu fünft: Mein Sohn, mein Freund, eine Freundin, ihr Sohn und ich. Meine Freundin ist ebenfalls verwitwet. Ihr Sohn ist 1,5 Jahre älter als mein Sohn.

    Die „Männer“ haben stundenlang geböllert. Schon zwei Tage vorher was das Thema „Böller“ tagesbestimmend. Haben wir die richtige Auswahl? Haben wir eine ausreichende Menge? Wo könnten zur Not noch welche nachgekauft werden? Ab Mitternacht gab es dann Halten mehr. Michael hätte es gefallen. Noch vor einem Jahr hatte er mit Sohn eine Stunde lang geknallt und Raketen gezündet. Mir selbst war weder nach feiern noch nach böllern. Ich war am 1. Januar einfach nur froh, dass alles vorbei war.

    Was erwarte ich von 2016? Alles und nichts. Das letzte Jahr hat mir gezeigt, wie schnell sich das ganze Leben ändern kann. Wie mich vertraute Menschen auf meinem Weg verlassen und neue hinzu kommen. Alles ist ständig in Bewegung. Für mich, die am liebsten alles so belassen hätte, wie es vor einem Jahr war, bedeutet das: Ich muss flexibel bleiben, mich auf Neues einstellen, mich dem Unbekannten öffnen. Das Leben geht weiter (blöder Spruch, der aber stimmt). Ich habe die Wahl, ob es mit mir oder ohne mich weitergeht.

  • Morgen ist das erste Weihnachtsfest, das Sohn und ich ohne Michael feiern werden. Meine Familie ist zu Besuch in Hamburg, wir sind also nicht alleine. Meine Eltern gehen einkaufen, kochen, haben einen Weihnachtsbaum besorgt und Plätzchen gebacken. Sie umsorgen uns.

    Ich blicke auf ein Jahr zurück, das schrecklicher nicht hätte sein können. Mein Mann ist tot, der Vater meines Sohnes. Wir waren glücklich als er starb. Wir hatten uns gefunden. Ich habe mir nie die Frage gestellt, warum ausgerechnet mein Mann gestorben ist. Warum ausgerechnet mein Kind seinen Vater verlieren musste. Ich habe seinen Tod akzeptiert, obwohl ich immer wieder das Gefühl habe, gleich kommt er zur Tür rein oder er wartet schon in der Küche auf mich. Die Trauerwellen sind immer noch da. Trotz neuer Liebe.

    Wenn ich auf dieses furchtbare Jahr zurückblicke bin ich aber auch dankbar. Für meine Eltern, die mir bedingungslos zur Seite standen. Für unsere Freunde, die Sohn und mich in den traurigsten Momenten begleitet haben und bei uns waren. Die mir viele Dinge abgenommen haben, als ich wie betäubt zu Hause saß. Aus den Gesprächen mit anderen Witwen und Witwern weiß ich, dass dies nicht selbstverständlich ist. Ich bin dankbar für Freunde und Bekannte, die immer wieder anrufen oder schreiben, auch wenn ich mich nicht zurückmelde. Ich bin dankbar für Nachbarn, die sich um unsere Katzen kümmern, wenn wir das Wochenende nicht da sind und für uns auch noch etwas zu essen hinstellen.

    Wenn wir morgen unter dem Weihnachtsbaum sitzen, wird das Bild von Michael neben uns stehen. In Gedanken ist er sowieso immer bei uns. Wir zünden eine Kerze für ihn an und meine Mutter und unser Sohn werden Weihnachtslieder auf der Harfe und am Klavier spielen. Das hätte Michael gefallen. Wir werden ein Glas auf ihn trinken. Und ich werde wieder dankbar sein. Für unseren Sohn, der seinem Vater so unglaublich ähnlich ist und für 14 Jahre, die wir zusammen verbringen durften.